Homophobie in der Literatur

Ich bin ziemlich erschrocken darüber, wie oft mir in letzter Zeit homophobe Begriffe in der Literatur, besonders in der Literatur für Jugendliche und junge Erwachsene, begegnet.rainbow_flag_and_blue_skies

Begriffe wie “Schwuchtel”, “Schwuletten” oder “Tunte” werden wie selbstverständlich benutzt und viele scheinen sich  leider gar nicht daran zu stoßen. Ein Zeichen der Abstumpfung? Die Autoren glauben, die gängige Jugendsprache auf Schulhöfen kopieren zu müssen um “authentisch” zu sein und viele Leser übernehmen das vollkommen unreflektiert.

Zwei besondere Fälle, in denen es mir in diesem Jahr schon begegnet ist sind “Scherbenmond” und “Schweigt still die Nacht”. Da Letzteres eine Übersetzung aus dem Englischen ist und das englische Original nicht ganz so formuliert ist, wie es übersetzt wurde (man hätte es durchaus auch neutraler übersetzen können), geht da die Kritik klar an die Übersetzer.

Im Fall von “Scherbenmond” sieht das jedoch anders aus. Deutsche Autorin, deutsches Original. In dem Buch werden von den Hauptfiguren wiederholt Worte wie Schwuletten und Tunten im Zusammenhang mit Homosexuellen benutzt. Und auch wenn die Autorin ihren Hauptfiguren immer wieder Sätze in den Mund legt, die eine homophobe Einstellung negieren sollen, macht es das nicht besser. Ebenso wenig, wie man das akzeptieren würde, handelte es sich um einen Begriff wie beispielsweise “Nigger”. Man kann nicht einen Farbigen Nigger nennen und nachher sagen, dass man ja gar kein Rassist ist und alles ist wieder gut – ebenso wenig kann man eben einen Homosexuellen Schwulette, Schwuchtel oder Tunte nennen, hinterher sagen, dass man ja gar nichts gegen Schwule hat und erwarten, dass das einfach so hingenommen wird.

Es ist kein Prädikat, dass weder Autorin, noch Lektor oder Verlag offenbar irgendeinen Anstoß daran nehmen, wie im Buch eine 1er-Abiturientin mit schlimmster Gossensprache um sich wirft. Ich glaube keineswegs, dass die Autorin wirklich schwulenfeindliche Ansichten vertritt und auch im Verlag unterstelle ich das niemandem, aber es wurde hier bewusst eine Jugendsprache imitiert, die in höchstem Maße zu verachten ist und dabei gedankenlos Worte verwendet, die Homosexuelle diskriminieren. Sie wurden ohne weiteren Sinn oder Zweck eingesetzt. Es handelt sich schließlich nicht um eine kritisch beleuchtete, deutsche Milieustudie. Die lapidare Verwendung dieser Begriffe suggeriert nichtreflektierten Lesern, dass es in Ordnung ist, solche Worte zu benutzen. Das ist schlicht und ergreifend nachlässig.

Wöchentlich erreichen uns Meldungen über Jugendliche und junge Erwachsene, die sich das Leben nehmen, weil sie nicht mehr bewältigen können auf irgendeine Art und Weise anders zu sein. Junge Menschen, die sich von Brücken stürzen oder sich auf andere Art aus dem Leben verabschieden, weil sie mit Worten wie “Schwuchtel” und/oder Schlimmerem konfrontiert werden, keinerlei Akzeptanz erfahren und einfach keinen Ausweg mehr wissen. Ein Nichtbetroffener kann niemals nachempfinden, wie ein Betroffener fühlt, wie es ist, sich jeden Tag dem stellen zu müssen.

Traurig genug, dass solche Schimpfworte vermehrt auf Schulhöfen zu hören sind. Muss das auch noch dadurch legitimiert werden, dass gebildete, gute Autoren meinen, sich dem anschließen zu müssen um “authentisch” zu sein? Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden Homosexuelle verfolgt, verurteilt und ermordet. Tut mir leid, aber da geht mir der Sinn für Authentizität doch ein bisschen verloren.

Offenbar sind wir in unserem Bestreben nach Toleranz, Akzeptanz und Gleichberechtigung noch lange nicht angekommen.

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5 Kommentare zu “Homophobie in der Literatur

  1. Vielen Dank für die klaren Worte, denen ich mich nur anschließen kann!
    Auch ich habe „Scherbenmond“ gelesen und war regelrecht entsetzt, Begriffe wie „Tunten“ und „Schwuletten“ lesen zu müssen. Mag sein, dass auf unseren Schulhöfen diese, den Protagonisten von der Autorin in den Mund gelegten, Gossensprache inzwischen gang und gäbe ist (was ich nicht hoffe und mir auch bei einer 1er-Abiturientin nicht recht vorstellen kann). Es ist aber für mich ein gewaltiger Unterschied, ob Schimpfworte auf einem Schulhof gesprochen oder in einem Roman zementiert werden.

  2. Hallo Heike,
    das hast du treffend zusammengefasst und ich finde es auch sehr gut, dass du das nochmal separat thematisiert. Ich werde deinen Beitrag in meiner Rezension zu „Schweigt still die Nacht“, die ich demnächst veröffentliche, verlinken, wenn das okay für dich ist.
    Liebe Grüße,
    Rana (Ina)

  3. Pingback: Scherbenmond – Bettina Belitz «

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