Für ‘ne Moment – Wolfgang Niedecken

Vielen Dank an  hoca   für dieses Rezensionsexemplar :)

Verlag: Hoffmann & Campe

ISBN: 978-3455501773

Bekommen: 01.06.2011

Angefangen: 02.06.2011

Ausgelesen: 05.06.2011

Gelesene Seiten: 528 Seiten

Bewertung: 5sterne !!!

Klappentext:

»… und was in der Gegenwart einzelne Momente sind, ordnet sich in der Erinnerung zu einer Geschichte, die unerschütterlich behauptet: Das bist du, das ist dein Leben …« Ein bewegtes Leben als bildender Künstler, Songwriter und Sänger, der politische Wachsamkeit mit humanitärem Engagement verbindet. Niedecken erzählt. Von einer Kindheit zwischen Trümmern im Nachkriegs-Köln. Vom katholischen Internat und der Rebellion gegen Autoritäten. Von der Malerei, den Ausstellungen und der New Yorker Kunstszene der siebziger Jahre. Von den Triumphen mit BAP. Vom Unterwegssein, von Krisen und dem unbedingten Willen, weiterzumachen. Von Wendepunkten, Zufällen und ein wenig Glück. Von der Begegnung mit Heinrich Böll und der Zusammenarbeit mit Wim Wenders. Von den geplatzten Konzerten in der DDR und den Auftritten in China und Nicaragua. Von Afrikareisen an der Seite Horst Köhlers, von Hilfsprojekten und dem Mut der Verzweiflung. Niedecken erzählt – gegenwärtig und nah, intensiv, ehrlich und voller Poesie.

Rezension:

Wolfgang Niedecken hat seine Memoiren geschrieben. Viele werden jetzt denken: „Ach, noch einer der meint, er hätte was zu erzählen!“ Aber Niedecken ist eben kein 17jähriger Hollywood-Jüngling der meint, alles gesehen zu haben, nur weil er einmal seine Nase hinter den Hollywood Hills hervor gereckt hat. Niedecken hat was zu erzählen. Und wie er erzählt. Er macht nicht den Fehler, den viele machen, die sich an der Niederschreibung ihrer Lebensgeschichte versuchen. Er fängt nicht bei dem kleinen Jungen an und hört bei dem weisen Mann auf. Er erzählt, wie man eben erzählt. Kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen, bleibt nur in groben Zügen chronologisch. Von seiner Kindheit in der Kölner Südstadt in der es in den Nachkriegsjahren keine Spielplätze sondern Trümmer gab, von Rittern auf der Vringspooz, Internatsjahren und kölschem Klüngel „… Kölscher Klüngel? Dä jitt et jar nit… ävver et ess schon besser, wemmer einer kennt!“ 1

Über seine Zeit als Künstler im Big Apple, Anfänge in der Musik und die ersten Erfolge mit BAP. „Ein Auftritt im „Chlodwig Eck“ und vielleicht noch einer in einem Vorort von Köln, das war schon fast eine Tournee. Zumindest, wenn man fest daran glaubte.“ 2

Man erfährt viel über den Mann, mit der „merkwürdije Sprooch“. Über den Künstler Niedecken und seine musikalischen Vorbilder ebenso wie über Vorbilder in der Bildenden Kunst. Von den Kinks und Bob Dylan bis zu Larry Rivers, Julian Schnabel und Michael Buthe.

Ein außergewöhnliches Treffen mit Heinrich Böll, ein Song mit Joseph Beuys, ein unverhofftes Duett mit Bob Dylan… Niedecken verwischt die Grenzen zwischen den Künsten und vor allem gibt es keine Grenzen zwischen ihm als Mensch und seiner Kunst. Nichts, was er nicht für seine Kunst verwendet. Egal ob seine Erinnerungen und Erlebnisse, die in seine immer aussagekräftigen Liedtexte einfließen oder alle erdenklichen Gefühle und Materialien, die in seinen Gemälden und Installationen Verwendung finden. Der BAP-Frontmann ist von seiner Kunst nicht wegzudenken. Weder von der einen noch von der anderen. „What’s wrong with Staples?“ 3

Seine Erzählung über seinen ersten Besuch in Afrika ist der Teil des Buches, der wohl jedem im Halse stecken bleibt und gerade deshalb bin ich ihm dankbar, dass er ihn nicht ausgespart, nicht über die Maßen geschönt oder unangenehmes weggelassen hat. Er verschließt die Augen nicht und erspart es auch seinen Mitmenschen nicht, wenigstens darauf hingewiesen zu werden, dass man mit offenen Augen besser sieht und dass man Dinge und Zustände, für die man einmal bewusst die Augen geöffnet hat, nicht mehr ausblenden kann.

„Auch wenn wir noch so fest daran glauben wollen, das der Prozess der Zivilisation nur in eine, und zwar in die richtige Richtung verläuft, in diejenige fortschreitender Aufklärung, verfeinerter Kultur und achtsameren Miteinanders – es entspricht, wie die Geschichte nicht nur des afrikanischen, sondern auch die aller anderen Kontinente zeigt, einfach nicht der Wahrheit.“ 4

Nach der Lektüre des Buches fühlt man sich, als hätte man eine ganze Nacht lang mit einem guten alten Freund eine Flasche Whisky geleert und sich dabei seine unglaublich spannende, großartige und interessante Lebensgeschichte angehört. Die teilweise offenen, teilweise versteckten Hinweise auf sein Liedgut sind dabei kleine Schmankerl, die den geneigten BAP-Fan wissend schmunzeln lassen.

Ja, jetzt spätestens habe ich mich geoutet. Ich bin ein Fan. Fast einer der ersten Stunde. Wenn schon nicht der ersten Stunde der Band, so doch der ersten Stunde der Entwicklung meines Musikgeschmacks. Das erste Musikalbum, das mir Freunde meiner Eltern 1984 im zarten Alter von 11 Jahren schenkten, war „Zwesche Salzjebäck un Bier“. Leider nicht als LP, sondern nur als MC, was dazu führte, dass die Kassette, die ich monatelang rauf und runter hörte, am Ende so leierte, dass es an Körperverletzung grenzte.

Seither begleitet mich Niedeckens Musik, seine wunderbaren Texte, die nie sinnentleerter Schmonz sind und mit denen er sich zum Glück nie untreu wurde, auch wenn es einige hartnäckig versuchten, durchs Leben und auch, wenn es hin und wieder mal ein Album gab, das mir besser gefiel als ein anderes, habe ich immer die unverkennbare Handschrift entdecken können, die hinter allem stand. Genau wie in diesem Buch, indem er einmal mehr zeigt, dass sich Heimatverbundenheit und Fernweh nicht ausschließen und kein Fehler zu dumm ist, als dass man nicht doch noch etwas aus ihm lernen könnte. „Wer nichts bereut ist entweder ein Gott oder leidet an Größenwahn.“ 5

1 Seite 119, 2 Seite 222, 3 Seite 26, 4 Seite 492, 5 Seite 408

Zitate: (Die Zitate, die ich mich entschlossen habe mit dieser Rezension zu veröffentlichen, sind nur einige derer, die ich mir markiert habe. Es gab einfach zu viele Stellen, die mich bewegt haben. Aber man muss auch wissen, wann es genug ist ;))

Die Kunst, die mir wichtig war, ließ viele Deutungen offen. Sie enthielt Trauer, Sehnsucht und Hoffnung und erzählte von der Utopie, dass die Welt auch anders sein könnte. Doch sie bevormundete nicht und schrieb niemandem vor, was er zu tun und zu lassen hatte. (Seite 41)

Manchmal muss man das Fernglas umdrehen, um die Größe der Dinge wieder richtig einschätzen zu können. (Seite 43)

Man sollte nicht immer damit beginnen, eine von der Gunst des Zufalls herbeigeführte Begegnung als etwas Zwangsläufiges und Bleibendes zu deuten. Manchmal ist es besser, dem Schatten, den die Vergangenheit wirft, auszuweichen, um nicht von ihm verschluckt zu werden. (Seite 68)

Ich fuhr rückwärts und blickte in die Vergangenheit, aber ich wusste, dass ich dennoch auf dem Weg war, der Zug fuhr mit mir in eine Zukunft, die ich kaum erwarten konnte. (Seite 103)

Was Heinrich Böll 1969 […] schrieb, hat seine Gültigkeit bis heute nicht verloren: Die katholische Kirche wird noch immer feudalistisch wie eine Mafia regiert. Der einzige Trost dabei ist, dass man sie verlassen kann, ohne sein Leben zu riskieren. (Seite 122)

Ich war selbstgerecht, so selbstgerecht und unbarmherzig, wie es nur einer Jugend zusteht, die sich nicht mehr mit Ausflüchten abspeisen lassen will. (Seite 145)

Freiheit ist manchmal nur ein anderes Wort für Alleinsein. (Seite 275)

Songs dürfen das Privileg haben, das Unmögliche zu fordern. Sie dürfen naiv sein, wenn sie vom noch nicht Realisierten träumen, sie dürfen sich das Prinzip Hoffnung bewahren, auch wenn die Welt aller Hoffnung hohnspricht. (Seite 299)

Wesen mit Federn interessieren sich nicht für Grenzen, sie überfliegen sie einfach. Und Wörtern gelingt das manchmal eben auch. (Seite 305)

Nur der, der weiß, dass alles seine Zeit hat, auch der Tod, weiß wirklich, wie es sich anfühlt, am Leben zu sein. (Seite 309)

Wir zogen die Gegenwart jeder Nostalgie vor, doch wir wussten auch, dass man ganz im Moment aufgehen und trotzdem voller Erinnerungen sein kann. (Seite 423)

Der Tag, an dem ich begriff, dass man nicht allen Ansprüchen genügen kann, war ein guter Tag. (Seite 452)

Leseprobe

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Wolfgang Niedecken

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Wolfgang Niedecken, 1951 in Köln geboren, studierte 1970 bis 1976 an der Kölner Fachhochschule für Bildende Künste Freie Malerei. Seither ist er regelmäßig in Ausstellungen vertreten, etwa 2004 mit einer Auswahl seiner Arbeiten in der Bundeskunsthalle. 1976 gründete er die Band BAP, deren Sänger und Frontmann er seither ist. Sie schrieb von ihren ersten Platten an Musikgeschichte. Für sein soziales Engagement gegen Rassismus erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Seit 2004 vertritt er als Botschafter den Hilfswerkbund »Gemeinsam für Afrika«, 2008 initiierte er das World-Vision-Projekt »Rebound« zur Reintegration ehemaliger Kindersoldaten in Uganda

 

 

Links:

https://gottagivethembooks.wordpress.com/2011/06/03/fr-ne-moment/

http://www.hoffmann-und-campe.de/go/fuer-ne-moment

http://www.bap.de/

http://www.leopardefell.de/

http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Niedecken

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Ein Kommentar zu “Für ‘ne Moment – Wolfgang Niedecken

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