Geschrieben für Dich – Sylvia Brownrigg

image Vielen Dank an krugschadenberg1 für dieses Rezensionsexemplar :)

Originaltitel: Pages for you

ISBN: 978-3930041824

Bekommen: Sofort ins Herz geschlossen und mitgenommen vom
19. Lesbisch-schwulen Stadtfest Berlin am 20.06.2011

Angefangen: 22.06.2011

Ausgelesen: 23.06.2011

Gelesene Seiten: 280

Gelesene Seiten insgesamt 2011: 11.326

Bewertung5sterne

Klappentext:

Flannery Jansen betritt eine neue Welt. Sie ist Erstsemesterin an einer Universität an der Ostküste. In einem Diner beim Campus entdeckt sie eines Morgens eine faszinierende Frau, die in ein Buch vertieft ist: Anne Arden, Dozentin im Fachbereich Literaturwissenschaft – selbstbewusst, weltgewandt, lebenserfahren. Und für Flannery die schönste Frau der Welt. Flannery träumt Tag und Nacht von Anne. Sie verzehrt sich nach ihr. Sie geht ihr aus dem Weg. Und will ihr doch nahe sein. Eines Tages fasst sie sich ein Herz und lädt Anne zu einem Drink ein …

Rezension:

Die Liebe – besonders die erste – kann einen ganz schön durchschütteln, aufwühlen und alles in Frage stellen. Das muss auch Flannery feststellen, als sie auf Anne trifft, die sie mit ihren grünen Augen und ihrer Ausstrahlung augenblicklich in ihren Bann zieht und nicht wieder loslässt.

Schon ziemlich am Anfang, wenn nicht sogar schon im Prolog, ist klar, dass dieser Roman kein klassisches Happy End haben wird. Gut für mich – ich finde Happy Ends meistens langweilig.

Noch nie habe ich ein Buch gelesen, dessen Sprache und Atmosphäre mich dermaßen gefesselt haben. Mehrfach hatte ich vielmehr das Gefühl innerlich einen Film zu sehen, als „nur“ ein Buch zu lesen und ich war von der unglaublichen Bildhaftigkeit des Textes total überfahren. Deshalb war es mir mehr als recht, dass keines der Kapitel länger als 3 Seiten ist, denn ich brauchte immer wieder eine Pause um das Gelesene „verdauen“ zu können.

Sylvia Brownrigg beschreibt Flannerys Sehnsüchte und ihr Verlangen nach Anne, nach einem Zusammensein mit ihr, so echt und intensiv, dass ich in der zweiten Hälfte des Buches oft fast nicht weiterlesen konnte, weil die Situation immer drückender und hoffnungsloser schien. Oft  hatte ich das Gefühl, ich sollte Flannery mal wieder anrufen um zu hören, wie es ihr geht und um ihr Mut zuzusprechen. Oder auch Anne um ihr mal gewaltig den hübschen Kopf zu waschen! ;-)

Ich vergebe 5 Sterne für einen Roman der zeigt, dass kein Happy End manchmal trotzdem der Anfang von etwas sein kann und dass Zuversicht und Hoffnung stärker sind als Traurigkeit und Verlust.

Ein ganz besonderes Lob übrigens fürs Cover (Dagmar Schadenberg) und für die Übersetzung (Andrea Krug). Zur Zeit gilt das Buch zwar als vergriffen, ein Nachdruck ist aber laut Verlag bereits in Vorbereitung. [Nachtrag: Das Buch ist inzwischen wieder als broschierte Ausgabe zu haben.]

Von manchen Händlern wird als empfohlenes Alter verschiedentlich „ab 13 Jahren“ angegeben. „Ab 16 Jahren“ würde ich persönlich für passender halten. Es ist definitiv kein Kinder- und Jugendbuch.

Zitate:

Durch die Tage stolperte sie, nachts jedoch schwamm sie frei durch die kühlen Gewässer ihrer Einbildungskraft. Im Dunkeln war ihr Körper seiner schüchternen Entschuldigung ledig, und ihre jungen Hände wanderten über ihr Fleisch, wie zum ersten mal. (Seite 22)

Die Träume sagten etwas anders. Unausweichlich. Das tun Träume mit Vorliebe. Verhöhnen dich mit einer frivolen Lebhaftigkeit, die du dir tagsüber verbittest. Schnüffeln in den Schränken in deinem Kopf, durchwühlen die Vorratskammern, stoßen auf Hoffnungen oder Erkenntnisse, von deren Existenz du nichts wusstest. Farben, die du nie zuvor bewusst wahrgenommen hast. Witze von einem Geistesreichtum, den du dir nie zugetraut hättest. (Seite 38)

Es war wie Fliegen. Es war die Geschichte, die du deinem wachen Ich vor den Einschlafen erzählst, in der Gewissheit, dass sie nie die volle, helle Schärfe der Wirklichkeit annehmen wird. (Seite 95)

Flannery hatte nie überlegt, dass das Wort “Schmerz” buchstäblich so gemeint sein könnte, wenn es auf das Herz gemünzt war. Schmerz dieser Art war doch gewiss Einbildung, ein Wort für Liedermacher, ein praktischer Reim auf “Herz”. Er war nicht ernstzunehmen. Doch, das war er. Noch etwas, das sie lernen musste. Das Herz schmerzte, in der Tat. Sie verspürte eine dumpf mahlende Leere in der Nähe ihres Zwerchfells, ein Schmerz, der den Platz von etwas einnahm, das entfernt worden war. Ein Phantomglied. Ein nagender Hunger namens Verlangen.          (Seite 150)

Es ist eine alte Geschichte. Eine der ältesten. Sie hätten nicht so weit reisen müssen, um sie zu erleben: Lust – pure, unverhüllte Lust – muss benannt und bestraft werden. Wie sonst könnten wir hoffen, die Ordnung der Welt aufrechtzuerhalten? (Seite 217)

Menschen können sich Orten ebenso verwandt fühlen wie anderen Menschen. (Seite 247)

Solche Nächte gibt es, und wir überleben sie. Es geht darum, neben dem geliebten Leib zu schlafen, den du nicht länger lieben darfst oder magst. Egal, ob du diejenige bist, die sich trennt, oder diejenige, die verlassen wird; egal ob deine Arme diejenigen sind, die zurückweichen, oder diejenigen, die sich verlangend ausstrecken und sich dann im Bewusstsein, nicht länger erwünscht zu sein, zurückziehen. […] Körper, deren nächtliche Daseinsform dem anderen schon bald nicht mehr vertraut sein wird: Sie werden sich getrennt durch Jacken und Jeans und die abgekühlte Luft zwischen neuerlichen Bekannten berühren, wen so etwas zwischen Ex-Geliebten überhaupt möglich ist. (Seite 275)

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