Connie Palmen – I.M. Ischa Meijer. In Margine. In Memoriam

Angefangen: Irgendwann 2007

Ausgelesen: Wahrscheinlich nie

Gelesene Seiten: 400 – immer wieder

Bewertung: Außer Konkurrenz :)

Klappentext:

Im Februar 1991 macht Ischa Meijer, in den Niederlanden als Journalist berühmt-berüchtigt, mit dem neuen Shooting-Star der Literaturszene, Connie Palmen, ein Interview. Es ist zugleich der Beginn einer amour fou. Doch im Februar 1995 stirbt Meijer überraschend an einem Herzinfarkt. „I.M.“ ist Connie Palmens bewegende Auseinandersetzung mit einer großen Liebe und einem Tod, der sie selbst fast vernichtet.

Rezension Liebeserklärung:

Eigentlich möchte ich keine Rezension schreiben. Eigentlich möchte ich eine Liebeserklärung schreiben. Eine Liebeserklärung an mein Lieblingsbuch. Und deshalb halte ich mich an keine einzige „Rezensionsregel“ sondern erzähle von mir und dem Buch, das mir das liebste ist.

Wer mich auch nur ein kleines bisschen kennt, der weiß, dass (meine) Bücher mir heilig sind. Geknickte Buchrücken, Eselsohren oder sogar Widmungen sind für mich richtig schlimm und in der Regel sehen meine Bücher auch nach dem Lesen noch wie neu aus.

Es gibt nur ein einziges Buch in meinem Regal, das richtig wild zerfleddert ist. Mein Lieblingsbuch. Fast auf jeder Seite ein Post-it, die Ecken abgestoßen, fleckig und abgeliebt weil es so oft in diversen Taschen, Rucksäcken oder Koffern mit mir herumgetragen wurde.

Wenn ich von Büchern, die mir richtig gut gefallen haben, nur die Taschenbuchausgabe habe, kaufe ich mir häufig auch noch ein gebundenes Exemplar. Nicht aber bei diesem ganz besonderen Buch. Es würde einfach nicht funktionieren, es wäre nicht MEIN Buch.

Hier ist es:

Ich findet mich bekloppt? Ich mich auch :)

Es ist das einzige Buch, das ich immer und immer wieder lese. Manchmal ganz, manchmal schlage ich irgendwo mittendrin eine Seite auf. Fast jedes Mal kommt ein neues Post-it dazu und ich hab wieder was neues kapiert oder über was anderes gegrinst oder mich in einem schon acht mal gelesenen Absatz doch auch endlich erkannt. Selten hatte ich so sehr das Bedürfnis die Hauptpersonen kennenzulernen, die Autorin mit Fragen zu löchern oder auch direkt ins Buch zu schlüpfen. Mit jedem Lesen erschließt sich mir die Sprache der Autorin mehr und mir wird mehr und mehr klar, was sie sagen wollte mit ihrem Buch. Dass es mehr ist als nur eine Liebesgeschichte zwischen einem Mann und einer Frau sondern auch ein Roman voller Selbsterkenntnis. Der Art von Selbsterkenntnis auf die man in den meisten Fällen erst mal gut verzichten kann, weil es eben nicht immer angenehm ist, sich selbst zu erkennen.

Den letzten Teil des Buches, den Teil der Connies Umgang mit Ischas Tod beschreibt, hab ich bisher erst ein einziges Mal gelesen weil ich es fast nicht ertragen konnte. Sie kämpft und droht zu zerbrechen und obwohl ich genau weiß, dass sie es überlebt war ich mir beim Umblättern nie wirklich sicher ob sie es tatsächlich tut. Zu spürbar waren Ohnmacht und Trauer über den Verlust des einen Menschen, der einen komplett macht; der einen erkennt und einen zu dem Menschen macht, der man eigentlich ist.

Egal wie traurig ich gerade bin, egal wie verzweifelt und egal wie hoffnungslos die Lage scheint. Dieses Buch zeigt mir, dass es weitergeht. Dass man Schmerz überleben kann.

Zitate:

Ich weiß nicht, wo ich die Überzeugung herhole, aber ich habe sie, und sie ist sehr groß: Ich weiß, dass dort mein Mann steht. Mehr kann ich mir noch nicht darunter vorstellen. (Seite 13)

Morgens und abends trippeln wir auf dem engen Raum hintereinanderher. Er folgt mir bis auf die Toilette und setzt das Gespräch in der Türöffnung stehend fort oder fängt schon mal an, sich vor dem Badezimmerspiegel zu rasieren, während ich noch auf dem Klo sitze und dort auf seine Bitte hin sitzen bleibe, bis er fertig ist, weil er das gemütlich findet und wir immer über so viele Dinge zu reden haben. (Seite 35)

Es ist ein Hin- und Hergerissensein zwischen Verheimlichung und Offenherzigkeit, zwischen dem Wunsch, die Wahrheit zu sagen, und dem Unvermögen, es auch in den intimsten Situationen zu tun; es ist die Erkenntnis, dass das Wesen der Liebe Wissen ist und das Ringen mit der Angst, mit der so großen Angst, sich eine Blöße zu geben. Wer schreibt, greift mit dem Stift nach der Macht, weil die Ohnmacht so unerträglich groß ist. Wer schreibt, hört für eine Weile auf, sich selbst Gewalt anzutun, zu leugnen, zu lügen, zu verschleiern und sich zu verstellen, hört mit all dem auf, wozu er sich gezwungen sieht, sobald die Angst zuschlägt was ein anderer mit ihm machen könnte. (Seite 38 / 39)

Das einzige, was mich beschäftigt, ist dieser Mann und die Liebe zu ihm. Sie ist so groß, dass ich mir manchmal wünsche, sie ein paar Stunden lang nicht empfinden zu müssen, doch das geht nicht. (Seite 40)

Ich würde schon gern alles wissen. Ich wäre gern immer bei ihm, jede einzelne Minute des Tages. Doch wenn ich alles, was ich gern möchte, auch tun würde, wäre nicht mit mir zu leben, das ist mir auch klar. (Seite 48 / 49)

Ich erinnere mich auch, dass ich ihn anschaute und deutlicher als je zuvor sah, dass es ihm genauso erging wie mir, dass er genauso glücklich sein konnte wie ich und dass ich mich in seiner Art, glücklich zu sein, am meisten in ihm wiedererkannte. Auch so einer, dem es schon fast zuviel war, den das zum Schreiben und Brüllen brachte, wie man vor Wut schreien und brüllen kann, und bei ihm wie bei mir war die Vehemenz des Glücks mit unbändiger Wut und Verzweiflung verwandt. (Seite 53)

Ich stehe hinter ihm, schlinge die Arme um seine Taille, schmiege das Gesicht zwischen seine Schulterblätter und lege die Hände auf seinen Bauch. „Hi handsome“, sage ich. Mir ist zum Weinen. „Was ist denn?“ fragt er leicht belustigt. Ich weiß es nicht so recht, es hat mit permanentem Gerührtsein, mit Glück, mit Liebe zu tun. Nun, da wir 24 Stunden am Tag zusammen sind, bin ich auch 24 Stunden am Tag von seinem Anblick gerührt, und gelegentlich macht mich das müde und ängstlich. (Seit 61 / 62)

Gott, die Liebe, ja, sogar die Wahrheit sind effektive Fiktionen, du unser Leben, unser Glück, unsere Beziehungen und Erfahrungen also unsere Wirklichkeit, Minute für Minute beeinflussen. Es macht sehr wohl etwas aus, ob und in welcher Weise man sie in seinem Leben zulässt. Die Schwerkraft kann man ja auch nicht sehen, und sie ist dennoch wirksam. (Seite 90)

„Ich bin eine Waise mit Eltern“, sagt er. (Seite 102)

Aber ich war nicht wütend, damals nicht. Da hielt ich mich für eine blöde Kuh. Ich werde es erst jetzt, da ich es Ischa erzähle, da ich ihn kenne und aufdecken kann, welchen Pakt meine Liebe und meine Sehnsucht mit der Abwertung und der Angst geschlossen hatten. (Seite 110)

An Eltern, die einen im Stich lassen, ehe man sich selbst von ihnen lösen und weggehen kann, bleibt man für den Rest seines Lebens gebunden. (Seite 124)

Beängstigend, diese Bewusstsein, aber mit ihm bin ich glücklicher als ohne ihn. Immer noch kommt es vor, dass ich krank vor Sehnsucht vor seiner Tür stehe und mich vor lauter Erleichterung übergeben oder weinen muss, sobald ich ihn wiedersehe und e seine wundervollen Arme um mich schlägt. (Seite 133)

So wie Körper und Geist kein voneinander unabhängiges Dasein führen, ist das auch bei Schicksal und persönlicher Entscheidung nicht der Fall. Man hat nicht die freie Wahl. Jede Entscheidung wird innerhalb einer Kette von Begebenheiten getroffen, die mit dem Beginn des nicht selbst gewählten Daseins eines Menschen in Gang gesetzt werden. (Seite 166)

„Ich bin mir erst ganz allmählich ähnlicher geworden“, sage ich. „Zum ersten Mal habe ich jetzt das Gesicht, das ich immer hatte, aber nie im Spiegel sah, und mit einem Mal bin ich so alt, wie ich es meinem Alter nach auch bin.“ „Das klingt ja alles, als wenn das sehr schön wäre.“ „Das ist es auch.“ „Und gehöre ich da auch mit hinein?“ „Ja“, sage ich, „auf dich habe ich mich auch mein Leben lang vorbereitet.“ (Seite 211)

„Ich bin Schriftstellerin, weil ich weiß, dass Denis de Rougemeont recht hat und die Beschreibungen von Liebe Einfluss haben auf die Art, wie wir lieben. Wir fühlen nun mal, was wir zu fühlen denken, wir lassen uns ziemlich viel Gefühl vorschreiben. Aber ich bin Philosophin, weil ich auch weiterhin an das Wesen der Liebe glaube und auch weiterhin danach such, aller Relativierung und allem Zynismus zum Trotz. Denn dieses Wesen entzieht sich der Überlieferung, dem Privaten. Es bleibt immer gleich. Einflüsse interessieren mich zwar, aber was ich liebe, ist das, was gleichbleibt.“ (Seite 222 / 223)

„Wird es nicht ein bisschen zu arg mit uns?“ meint Ischa schmunzelnd. „Es kann mir gar nicht schlimm genug sein. Too much is not enough for me, Is.“ (Seite 304)

„Weißt du, wie ich Liebe definieren würde?“ fragt er rhetorisch. „Dass man nicht durch einen Supermarkt gehen kann, ohne dabei an die Frau zu denken, die man liebt, und lauter Dinge zu kaufen, von denen man weiß, dass sie sie mag.“ Derweil packt er seine Tragetaschen aus, breitet die Waren auf dem Holz der Anrichte aus und füllt den Kühlschrank mit den Dingen, die ich mag. (Seite 342)

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