Superhero – Anthony McCarten

superhero Originaltitel: Death of a Superhero

Verlag: Diogenes

ISBN: 978-3-257-23733-7

Gekauft: 13.07.2011

Angefangen: 25.07.2011

Ausgelesen: 26.07.2011

Gelesene Seiten: 302

Gelesene Seiten insgesamt 2011: 12.428

Bewertung: 

Klappentext:

Eigentlich ist Donald ein ganz normaler einsamer, unglücklicher Teenager. Vor allem quält ihn die Frage: „Wie geht Liebe?“ Aber er hat wenig Zeit – er ist krank. Was ihm bleibt, ist ein Leben im schnellen Vorlauf. Das schafft aber nur ein Superheld. Darum hat Donald einen erfunden – Miracle Man. Aber kann Miracle Man ihm helfen, oder braucht Donald ganz andere Helden?

Rezension:

Donald, 14 Jahre alt, hat keinen Bock auf Leukämie. Wer hätte den schon? Aber wie unfair ist es bitteschön, wenn man noch nicht mal Sex hatte, bevor man letztlich abtritt?! Donald ist aufs Schlimmste hormongeplagt und einfach nur genervt. Von der Fürsorglichkeit seiner Eltern, von seinem großen Bruder und vom Krebs. Großartige Chance auf Heilung besteht längst nicht mehr als er schließlich nach dem gescheiterten Versuch seinem Leben selbst ein Ende zu setzen, bevor die Krankheit es tut, von seinen Eltern zu Dr. Adrian King, dem Klinikpsychologen geschickt wird.

Donald hat keine Wahl. Ob er will oder nicht muss er sich mit der Krankheit arrangieren. Er selbst ist allerdings kaum noch in der Lage zu kämpfen und überlässt das deshalb Miracle Man, seinem Alter Ego, das in seinem Comicroman doch am Ende jeden Kampf gegen den fiesen Dr. Gummifinger gewinnt und vielleicht am Ende mit Rachel, seiner großen Liebe, glücklich werden wird.

Man merkt, dass Donald keine Zeit mehr hat. Die kurzen, schnellen Schnitte zwischen verschiedenen Handlungsorten und Personen lassen daran keinen Zweifel. Kein Schnickschnack, kein Kitsch, kein Gelaber. Jeder Tag zählt.

Dieses Buch wirkt ebenso unausgeglichen und gestresst wie Donald es ist. Die Brüche im Text, scheinbar zusammenhanglose Passagen und seine schonungslos ehrliche und unverblümt brachiale Sprache zeigen es sehr deutlich. Die eingestreuten, von Donald verfassten, Comicszenen zeichnen ein Bild von ihm selbst, wie es eindringlicher kaum sein könnte. Seine pornografischen Zeichnungen schocken seine Eltern und seinen Psychologen. McCarten lässt wenig Platz für (Selbst-)Mitleid in seinem Roman über ein paar – gar nicht mal immer so heldenhafte – Superhelden.

Mein persönlicher Superheld neben Donald ist Adrian King, der sich schon damit abgefunden hatte, dass seine Frau ihn betrügt und dass sein Job ihn längst nicht so ausfüllt, wie er das gerne hätte. Bis er ganz am Ende doch noch die Kraft findet und Donalds Rat befolgt: „Schmeißen. Sie. Das. Dreck-. –stück. Raus.“

Ist dieses Buch ein Roman? Ein Drehbuch? Oder ein Comicroman?

„Scheißegal!“ würde Donald vermutlich meinen.

Da muss ich ihm recht geben. Schon nach wenigen Seiten hatte ich mich nicht nur an den eigenwilligen Schreibstil und Aufbau gewöhnt, sondern war mittendrin in Miracle Mans Kampf um Gerechtigkeit, dem Kampf von Donalds Eltern um das Leben ihres Sohnes, Adrians Kampf mit sich selbst und seinem festgefahrenen Leben und Donalds Kampf darum, etwas von sich zurück zulassen und sich damit genauso unsterblich zu machen wie Miracle Man.

Ich vergebe 5 Sterne und normalerweise würde ich jetzt auch eine Begründung dafür liefern. Allerdings fällt es mir dieses Mal wirklich sehr schwer, meine Begeisterung in Worte zu fassen. Der Roman hat mich gefesselt und war spannend von der ersten bis zur letzten Seite, was nicht zuletzt daran liegt, dass der komplette Roman völlig ohne Nebensächlichkeiten auskommt. Zudem hat McCarten mit Donald einen Superhelden erschaffen, der einen gleichzeitig ganz fürchterlich nervt mit seiner herablassenden, aggressiven Art und dann doch wenige Zeilen später wieder durch unfassbare Coolness und Tiefgründigkeit überrascht. Nicht zuletzt deshalb war dieser Roman eine Herausforderung, die ich sehr gerne angenommen habe.

Zitate:

Sophie: Hast du jemals geweint, Adrian? Weinst du eigentlich nie?
Adrian: Manchmal schon. Beim Cricket. […] Wie die meisten Männer weine ich, wenn es nicht wichtig ist. (Seite 100)

Jahre vergehen. Seine Gefühle sind nun schon so lange eingepfercht, dass sie für immer gezähmt sind. (Seite 160)

Donald: Wie ist das, wenn man Sex hat? […]
Tanya: Nun, wenn du mit der Richtigen zusammen bist…ich glaube, man könnte sagen, das ist…eine Art Wettbewerb. Ihr wollt beide, dass der andere gewinnt. (Seite 232)

Warum bewahren wir die Fassung, überlegt Adrian, warum sind wir konform, warum bleiben wir (darauf läuft es doch hinaus), wer wir sind? Weil wir immer das Schlimmste befürchten? Bauen wir unser ganzes Leben immer nur als Verteidigungsstellung gegen das Schlimmste auf, das uns widerfahren könnte? Das Merkwürdige ist: Wenn die meisten von uns nur einen unklaren oder sogar überhaupt keinen Begriff davon haben, was dieses Schlimmste ist, warum lassen wir dann jede unserer Handlungen von unserer Angst bestimmen? Wenn wir uns nur einen Augenblick lang vorstellen – denkt Adrian, als er über den Marmorboden schreitet, direkt aus dem Sitzungsraum, noch das vernichtende Urteil im Ohr, doch nicht überrascht von der Entscheidung – , wenn wir uns also vorstellen, dass das Schlimmste, sollte es jemals eintreffen, nicht halb so schlimm ist, wie wir gedacht haben. Und dann gehen wir noch einen Schritt weiter. Wir stellen uns vor, dass dieses Schlimmste in Wirklichkeit das Beste ist, was uns überhaupt geschehen konnte. Wie schockierend hätten wir damit bewiesen, wie sinnlos all die Vorsicht unseres Lebens ist? (Seite 299 / 300)

Autoreninformationen:

 

Anthony McCarten, Jahrgang 1961, schreibt neben Romanen auch noch Drehbücher. Unter anderem auch zu „The English Harem“ (2005) und „Show of Hands“ (2008).

 

 

 

Foto: Copyright © Peter Peitsch / peitschphoto.com

Romane (alle erschienen oder in Vorbereitung im Diogenes Verlag):

  • Superhero (Originaltitel: Death of a Superhero)
  • Englischer Harem (Originaltitel: The English Harem)
  • Hand aufs Herz (Originaltitel: Show Of Hands)
  • Liebe am Ende der Welt (Originaltitel: Spinners) – erscheint September 2011
  • Brillance – in Vorbereitung

Ein Erzählband ist ebenfalls in Vorbereitung: A Modest Apocalypse and Other Stories

Verfilmungen:

  • Englischer Harem (TV-Verfilmung)
  • Superhero – Filmstart voraussichtlich Anfang 2012

Lesungen mit Anthony McCarten:
12. Oktober 2011 in Frankfurt am Main
17. Oktober 2011 in Hamburg

Quelle und mehr Informationen

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