Das Bücherzimmer – Rosemarie Marschner

Vielen Dank an    für dieses Rezensionsexemplar :)

Verlag: dtv

ISBN-13: 978-3423195287

Bekommen: 03.08.2011

Angefangen: 04.08.2011

Ausgelesen: 05.08.2011

Gelesene Seiten: 414

Bewertung: 5sterne

Klappentext:

Einem unehelichen Kind stehen nicht alle Türen offen in der österreichischen Provinz. Die vierzehnjährige Marie muss froh sein, dass sie Dienstmädchen in der großen Stadt Linz werden darf. Aber am leichten Leben der Stadtmenschen, die ihre Tage mit Zeitunglesen, Tennisspielen und Reisen zubringen, darf das Mädchen nicht teilhaben. Ihr Leben ist von harter Arbeit und strengen Regeln geprägt, die von der betagten Haushälterin eisern durchgesetzt werden. Nur ganz allmählich eröffnen sich Freiräume, nur ganz allmählich zeigen die »gnädige Frau« und der »gnädige Herr« auch einmal menschliche Züge. Und dann beginnt sich der Franz für das junge Mädchen zu interessieren, ein fescher Bursche, der Sohn eines gutverdienenden Bäckers, der sogar ein Motorrad besitzt. Nach zähem Ringen mit den Eltern wird Marie seine Frau. Die Hochzeitsreise führt nach Wien, und nun könnte eigentlich alles gut werden, wenn da nicht die Politik wäre. Man schreibt das Jahr 1938, Österreich ist annektiert worden …

Rezension:

Als Marie Zweisam mit 14 Jahren die Möglichkeit bekommt sich als Dienstmädchen in einem vornehmen Haushalt im österreichischen Linz zu verdingen, kann sie sich glücklich schätzen. Denn als unehelich geborenes Kind einer einfachen Bauerntochter vom Dorf stehen ihr nun wahrlich nicht viele Türen offen. Auch ihre hervorragenden schulischen Leistungen konnten daran nichts ändern. Doch ihren Drang nach Wissen kann dem gescheiten Mädchen niemand nehmen und so findet sie immer wieder Wege, ihrem Geist Nahrung zu verschaffen.

Als Franz Janus, der Sohn einer angesehenen Bäckerfamilie, beginnt, ihr den Hof zu machen und schließlich um ihre Hand anhält, scheint zunächst alles gut zu werden. Doch eine unvergessene Liebe und die politischen Unruhen durch die Machtergreifung der Nazis scheinen ein Happy End unmöglich zu machen.

Packend und einfühlsam erzählt Rosemarie Marschner die eindrucksvolle Geschichte einer Frau vor dem Hintergrund der Nazidiktatur in Österreich. Ein junges Mädchen, das sich weder von seiner Herkunft noch von den verbohrten Vorstellungen und Vorurteilen seiner Mitmenschen seinen Wissensdurst nehmen lässt und das lernt, für sich selbst zu kämpfen und seinen eigenen Weg zu finden.

Die Charaktere sind wunderbar gezeichnet und auch das Gesellschaftsbild Österreichs zur Nazizeit ist überaus überzeugend. Man fühlt die Beklemmung und den Druck, unter dem die Menschen stehen, spürt die konfliktgeladene Stimmung in der Stadt. Ein Hexenkessel, bei dem ein Funke genügt um ihn zum explodieren zu bringen.

Auch sprachlich bleiben bei diesem Roman wenige Wünsche offen. Sehr stilsicher gelingen der Autorin ganz wunderbare Szenen:

In der Nacht, wenn Marie im Bett lag und nicht einschlafen konnte, lauschte sie den Geräuschen des Hauses: dem Ächzen der Dachsparren, dem unerklärlichen, leisen Poltern draußen in der Scheune und dem Knarren der Holzstufen. Als sie noch ein Kind gewesen war, hatte ihr die Mutter erklärt, dass sich im Laufe des Tages in den Stufen die Schritte sammelten und sich nachts in umgekehrter Reihenfolge wiederholten und auflösten. Mancher glaube dann wohl, dies seien die Gespenster der Verstorbenen, doch in Wahrheit sei es nur das Echo vom Leben des vergangenen Tages. (Seite 203)

Ich fühlte mich beim Lesen stilistisch sogar gelegentlich an Ulla Hahn erinnert, die zwar in erster Linie als Lyrikerin von sich Reden macht, aber für mich auch in der Prosa zu den ganz großen der deutschen Literatur gehört. Rosemarie Marschner ist also unbedingt auf dem richtigen Weg und hat mich mich diesem Roman definitiv von sich überzeugt.

Zitate:

Wie hätte sie sich je hier zurechtfinden können? Wie sich Achtung erwerben unter diesen Menschen, denen der Schein nicht weniger galt als das Sein? (Seite 78)

Alles lag so lange zurück. Und doch war es nicht vergessen. Wie kann es sein, dass Menschen einander solchen Schmerz zufügten? Sogar Menschen, die einander geliebt hatten. Oder gerade sie? (Seite 187)

Ein Regime plante, die Welt zu erobern: Aus den Nachrichtenfetzen im Radio, die Marie kaum beachtet hatte, hatte sie dieses eine entnommen und gleich wieder vergessen, weil sie nun in einer Wirklichkeit lebte, die viel kleiner war und in der sich keiner für die Begierden der Mächtigen und der Machthungrigen interessierte. Leben wollte man. Gesund sein wollte man. Und vor allem nicht einsam sein wollte man. Doch Marie war nun einsam. Sie hatte alles verloren. Alles. (Seite 211/212)

Auf immer? Während der Wind ihr trauerlose Tränen in die Augen trieb, dachte Marie, dass sie gar nicht wusste, was das war: immer. Kein fester Zustand wohl, sondern eine ständige Entwicklung. Doch wohin führte diese Entwicklung? Was würde in zehn Jahren sein? Oder in zwanzig? Oder gar noch mehr? (Seite 221)

Noch immer schien die Sonne, ein mildes Licht des Spätnachmittags, begleitet von einem sirrenden Wind aus der Tiefebene im Osten. Sehnsucht nach Weite schwebte in dieser Luft, nach Unendlichkeit. Sehnsucht nach der Kraft der Gefühle und nach dem Tod. Eine Stadt, zum Weinen schön. In ihrem Lächeln Traurigkeit und in ihrer Trauer Ironie. (Seite 222)

Von dem jungen Mädchen, das sich nach Wissen sehnte und vielleicht sogar danach, es später einmal weiterzureichen, auch wenn es sich nicht vorstellen konnte, wie, schien nicht mehr viel übriggeblieben zu sein. Es war wohl verlorengegangen irgendwo im Labyrinth der Straßen […]. Nur in der Nacht, wenn es im Haus so still war, dass man das Rascheln der Mäuse vernehmen konnte, kam es wieder zum Vorschein, hockte wie ein kleines Gespenst aus einer gutgläubigen Vergangenheit am Küchentisch, die Wangen in die Hände gestützt, die Augenwinkel gerötet von der Anstrengung, sich wach zu halten und auf den Buchseiten andere Welten zu entdecken. (Seite 284)

“Ich habe noch nie irgendwo dazugehört, Herr Ohnesorg!”, entgegnete sie mit fester Stimme. Noch während sie es sagte, wurde ihr bewusst, wie sehr dies der Wahrheit entsprach. Nirgendwo dazuzugehören – der Schmerz ihres Lebens, aber vielleicht auch seine Chance. (Seite 329)

Außer Atem und vom Regen durchnässt, blieb sie stehen. Sie sah nur noch seine Hände, die ihr zuwinkten, bis die Regenschleier alles verhüllten und sie allein zurückließen, den einsamsten Menschen der Welt. (Seite 331)

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