Alles, was wir geben mussten – Kazuo Ishiguro

Kazuo  Ishiguro - Alles, was wir geben musstenVielen Dank an  btb für dieses Rezensionsexemplar :)

Originaltitel: Never let me go

Verlag: btb

ISBN: 978-3-442-74266-0

Bekommen:  16.08.2011

Angefangen: 19.08.2011

Ausgelesen: 22.08.2011

Gelesene Seiten: 352

Bewertung: 5sterne

Klappentext:

Ein großer Sportplatz, freundliche Klassenzimmer und getrennte Schlafsäle für Jungen und Mädchen – auf den ersten Blick scheint Hailsham ein ganz gewöhnliches englisches Internat zu sein. Aber die Lehrer, so engagiert und freundlich sie auch sind, heißen hier Aufseher, und sie lassen die Kinder früh spüren, dass sie für eine besondere Zukunft ausersehen sind. Dieses Gefühl hält Kathy, Ruth und Tommy durch alle Stürme der Pubertät und Verwirrungen der Liebe zusammen – bis es an der Zeit ist, ihrer wahren Bestimmung zu folgen …

Rezension:

Hailsham, ein Internat in England: Kathy, Ruth und Tommy sind Freunde und kennen sich, seit sie denken können, denn sie haben nie woanders gelebt. Es gibt keine Familien, bei denen die Kollegiaten ihre Ferien verbringen, kein Zuhause, außer Hailsham. Kollegiaten? Oder doch eher Insassen? Denn die Lehrer heißen in Hailsham Aufseher und für die Kinder und Jugendlichen, die hier leben, gibt es nichts außerhalb der Mauern und Zäune des Internats. Aber sie sind nicht unglücklich, denn sie wissen nicht, dass es da etwas geben sollte. Sie leben, lernen, weinen und lachen zusammen – bis sie ihrer Bestimmung, ihrem einzigen Daseinszweck, folgen müssen.

Neulich las ich im Kulturteil von Zeit-Online einen Artikel von Christoph Schröder über moderne Klappentexte und er bemängelt, dass offenbar in letzter Zeit besonders das Attribut “verstörend” mit der ganz großen Kelle verteilt wird. Nun, ich gebe ihm grundsätzlich recht und in neunzig Prozent der Fälle ist es nichts anderes als eine Masche des Verlages, um dem Buch eine interessante Note zu geben, die es in dem Maß gar nicht hat. Aber im Falle dieses Romans von Kazuo Ishiguro fällt mir kein einziges Wort ein, welches dieses Buch besser charakterisieren könnte.

Verstörend, wie die Ich-Erzählerin Kathy einfach so ihre Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die durch die streckenweise völlig wertungsfreie Erzählweise eine Dichte und Kraft aufbaut, die fassungslos macht. Die vielen unglaublich geschickt eingewobenen Stellen, die, der Erzählerin offensichtlich nicht wirklich klar, dem Leser umso spürbarer deutlich machen, wie ungeheuerlich die Situation der Hauptfiguren und, damit verbunden, der ganzen Welt ist, zeugen von großem Können und einem ausgeprägten Bewusstsein für Sprache.

Ishiguro verleiht seinen Charakteren eine so intensive Tiefe, dass man sich ihnen unmöglich entziehen kann. Die Schauplätze unterstreichen die teilweise klaustrophobische Atmosphäre beängstigend perfekt und geben der Geschichte einen vollkommenen Rahmen. Eindringlich beweist dieser Roman, dass es keiner künstlichen Dramatik, keiner Action und keiner großen Worte bedarf um eine Geschichte zu erzählen, die den Leser in tiefster Seele berührt und bis in seine Träume verfolgt.

“Alles, was wir geben mussten” entließ mich mit dem Gefühl absoluter Hoffnungslosigkeit und tiefer Traurigkeit. Verstört!

Stil und Aufbau können nur als herausragend bezeichnet werden. Herausragend aus einer Fülle von Büchern, die Herausragendes versprechen und am Ende allenfalls großartig sind.

Zitate:

Wichtig war uns etwas ganz anderes, nämlich, wie Ruth eines Abends, als wir in ihrem gefliesten Zimmer in Dover saßen und in den Sonnenuntergang hinausblickten, sehr treffend formulierte: “Wenn wir etwas Kostbares verloren hatten und es überall wie verrückt suchten, aber nicht fanden, brauchten wir trotzdem nicht völlig verzweifeln, weil wir uns als letzten Trost vorstellen konnten, dass wir eines Tages, wenn wir erwachsen wären und überallhin fahren könnten, nach Norfolk gehen und es dort wiederfinden würden.” (Seite 86)

Wenn heute jemand die Cottages erwähnt, denke ich an unbeschwerte Tage, an denen wir uns treiben ließen, uns gegenseitig in unseren Zimmern besuchten, denke daran, wie der Nachmittag gemächlich in den Abend überging und der Abend in die Nacht. Ich denke an meinen Stapel alter Taschenbücher, deren Seiten sich schon wellten, als hätten sie einst dem Meer gehört. Ich denke daran, wie ich sie las, an warmen Nachmittagen bäuchlings im Gras, während mir die Haare, die ich mir damals lang wachsen ließ, ständig in die Augen fielen. Ich denke daran, wie ich morgens in meinem Zimmer unter dem Dach der Schwarzen Scheune von Stimmen erwachte, die draußen in der Wiese über Dichtung und Philosophie diskutierten; und an die langen Winter, das Frühstück in dampfigen Küchen, an dahinplätschernde Gespräche über Kafka und Picasso. Es ging immer um solche Themen beim Frühstück; nie sprachen wir davon, wer mit wem die letzte Nacht geschlafen hatte oder warum Larry und Helen nicht mehr miteinander redeten. Aber gleichzeitig habe ich bei solchen Erinnerungen auch das Gefühl, dass dieses Bild von uns am ersten Tag, als wir uns dort vor dem Bauernhaus aneinander drängten, gar nicht so falsch ist. Denn in gewisser Weise sind wir aus diesem Bild nie so recht herausgewachsen, auch wenn wir uns das später einredeten. Tief im Inneren war ein Teil von uns immer noch so wie am ersten Tag: voller Furcht vor der Außenwelt und – egal, wie sehr wir uns dafür verachteten – nicht imstande, einander ganz loszulassen. (Seite 146/147)

Natürlich ist das Schwimmbecken heute aufgeschüttet und planiert, aber die Umrisse sind noch deutlich erkennbar, und an einem Ende – dies als Beispiel für den allgemeinen Eindruck von Unfertigkeit – haben sie sogar das Metallgerüst des hohen Sprungbretts stehen lassen. Erst als ich dieses alte Foto sah, wurde mir klar, was dieses Gerüst eigentlich darstellte und warum es da stand, und wenn ich es heute sehe, stelle ich mir unwillkürlich einen Schwimmer vor, der oben zum Kopfsprung ansetzt und im nächsten Moment unten auf den Beton kracht.    (Seite 266)

Website zum Film

Kazuo Ishiguro im Interview

Kazuo Ishiguro

Kazuo Ishiguro, 1954 in Nagasaki geboren, kam 1960 nach London, wo er Englisch und Philosophie studierte. Schon sein Erstling »Damals in Nagasaki« wurde mit dem Winifred-Holtby-Award der Royal Society of Literature ausgezeichnet. Es folgten weitere Preise und Auszeichnungen: u.a. der Whitbread Award und der Cheltenham Prize. 1989 erhielt er für seinen Weltbestseller »Was vom Tage übrigblieb«, der von James Ivory verfilmt wurde, den Booker Prize. Kazuo Ishiguros Werk wurde bisher in 28 Sprachen übersetzt. Für »Alles, was wir geben mussten« erhielt Ishiguro 2006 den Corine Preis. Der Autor  lebt mit  Frau  und  Kind  in  London.

„Seufzen, vor Genuss. Auflachen, voller Mitleid. Kopfschütteln, in heilloser Verwirrung innehalten, verwundert, vorsichtig umblättern, langsam, weil so gierig – solcher Art sind die Reaktionen, die sich beim Lesen eines Romans von Kazuo Ishiguro einstellen können, etwa alle fünf Jahre, wenn ein neues Buch erscheint, was das Erlebnis um so kostbarer macht. Und wieder heißt es warten, für uns Süchtigen.“ [Die Zeit]

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4 Kommentare zu “Alles, was wir geben mussten – Kazuo Ishiguro

  1. Das Buch hab ich noch noch nicht gelesen, aber ich bin (eher aus Versehen) in dem Kinofilm gelandet. Wir hatten Freikarten und haben dann einfach den Film ausgesucht, der als nächstes anfing. Ich hatte also keine Ahnung worum es ging, nicht mal das Genre war mir bekannt. Ich wusste nur, dass (die auch hier wundervolle!) Carey Mulligan die Hauptrolle spielt.

    Am Ende des Films saßen wir im Kino, wie du nach dem Buch: verstört, aufgewühlt und selbst nach dem Abspann kaum fähig uns zu bewegen. Vielen Dank für diese einfühlsame Rezension und die sorgfältig ausgewählten Zitate!

    Liebe Grüße,
    mila

    • Liebe Mila,
      ich bin sicher, dass Dich das Buch noch mehr begeistern wird. Mir jedenfalls ging es so. Ich habe den Film nach dem Buch gesehen und war schon relativ enttäuscht, weil wirklich vieles einfach viel zu kurz gekommen ist und ich das Gefühl hatte, dass man, ohne das Buch zu kennen, die Story gar nicht in Gänze verstehen und erfassen kann.
      Ich kann Dir nur wärmstens empfehlen das Buch zu lesen. Vielleicht begeistert es Dich genauso wie mich :)
      Liebe Grüße,
      Heike

  2. Ich habe mir dieses Buch schon ganz oft angesehen, konnte mich aber nie durchringen, es zu kaufen. Danke für deine Rezension! Die ist so großartig, dass ich es jetzt sofort bestellen werde :-)

    ♥-liche Grüße, Anja

    • Liebe Anja,
      es freut mich natürlich immer ganz besonders, wenn meine Rezensionen jemanden so begeistern, dass er sich das Buch kauft :) Ich bin sicher, Du wirst es nicht bereuen. Es ist wirklich überragend.
      Liebe Grüße,
      Heike

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