[Challenge] Gesammelte Schätze – Oktober

Marie-Sabine Roger – Der Poet der kleinen Dinge

Ich glaube, in den Geburtskliniken liegen ausschließlich Prinzessinnen und Märchenprinzen in den kleinen Plastikbetten. Kein einziges Neugeborenes, das entmutigt, enttäuscht, traurig oder blasiert wäre. Kein einziges kommt auf die Welt und sagt sich: Später gehe ich mal für einen Hungerlohn in der Fabrik malochen. Ich werde ein Scheißleben haben und das wird super-duper. Juhu. Warum ich hier bin, jetzt, in diesem Moment, ist sogar mir selbst ein Rätsel. Aber da ich an Schicksal glaube, sage ich mir, dass es irgendwo einen großen Plan geben muss., hoch über meinem Kopf. Dass es für das alles einen Grund gibt. (Seite 22)

Ich habe etwas Unfertiges, Unreifes an mir. Ich bin wie ein Entwurf meiner selbst. (Seite 25)

Es gibt nichts an ihm, das nicht missraten, entstellt, erschreckend oder lächerlich wäre. Nichts bis auf seinen Welpenblick, der so sanft ist, dass man es gar nicht beschreiben kann. Nichts bis auf sein schallendes Lachen, voller Leben und Humor. Aber dieses Nichts reicht aus, um etwas in mir zu wecken, Gefühle, die ich nicht verstehe, die Lust, ihm die Flügel zu strecken, und wenn es mir Gewalt ist. Die Lust, ihm abends zuzuhören, ihn am Kanal entlang spazieren zu fahren. […] Wir werden noch mehr Leute treffen, die loslachen werden, wenn sie Roswell sehen. Die wahren Monster sind sie. (Seite 81)

Im Theater ist es wie im echten Leben, da gibt es keinen Probelauf, man kann nicht sagen: “Klappe, die Szene nochmal!” Wenn der Vorhang aufgeht, ist es ernst. Schummeln gilt nicht. (Seite 123)

Seit achtundzwanzig Jahren träume ich Tag für Tag davon, hier abzuhauen, aber es ist wie mit dem Rauchen: Morgen höre ich auf, morgen gehe ich weg. Morgen fange ich an zu leben. immer morgen, morgen, nur nicht heute… (Seite 152)

Natürlich würde ich nicht zurückschauen. Das hatte ich noch nie getan. Aber in meinem Herzen war ein Rückspiegel. Um zu wissen, was ich hinter mir ließ, musste ich mich nicht umdrehen. (Seite 168)

Es mag bescheuert klingen, aber nachdem ich den ersten Schock überwunden habe, kommt es mir jetzt manchmal so vor, als wäre Gérard normal und wir die Behinderten. […] Gérard schert sich einen Dreck darum, sich “ordentlich zu benehmen”. Er schwebt weit über alldem, hoch über den Wolken. (Seite 192/193)

An dem Tag, als ich ihm das erste Mal begegnet bin, habe ich gedacht, so wie er aussieht, muss er den IQ einer Kaulquappe haben. Aber das stimmt nicht. Gérard ist intelligent. Pech für ihn. Aber er hat trotzdem Spaß und liebt das Leben. Deshalb beschämt er uns. (Seite 194)

Ich mag Leute, die Marotten haben, kleine Gewohnheiten, die viel über sie aussagen. Die sind wie kleine Fenster in ihren Schutzmauern. (Seite 200)

 

Kai Meyer – HEX

Denn Träume waren es, die sie den Menschen gebracht hatten. Sie hatten sie angesteckt, vor Jahrtausenden. Wie mit einer Grippe, ganz beiläufig. Mit etwas, das es vorher nicht auf dieser Welt gegeben hatte. Sie waren gekommen und hatten ihr Seuche mitgebracht, so wie die alten Seefahrer ihre Syphilis auf den Inselparadiesen eingeschleppt hatten. Und die Menschen fanden ein Wort für die neue Epidemie. Träumen. (Seite 26)

 

Deborah Harkness – Die Seelen der Nacht

“Als Wissenschaftler kann ich dir versichern, Diana, dass es so etwas wie Normalität nicht gibt.” Auf einmal klang er gar nicht mehr vorsichtig und sanft. “Normalität ist eine Fiktion – ein Märchen – , das sich die Menschen gegenseitig erzählen, um sich besser zu fühlen, wenn sie sich den unbestreitbaren Beweisen gegenübersehen, dass das meiste, was passiert, ganz und gar nicht “normal” ist.” (Seite 130)

“Und nichts ist so mächtig wie die menschliche Angst – keine Magie, keine Vampirkräfte. Nichts.” (Seite 133)

Das All Souls College war ein spätgotisches Meisterwerk und ähnelte mit seinen luftigen Spitztürmen und dem fein ziselierten Mauerwerk dem unehelichen Balg eines gotischen Domes mit einer Hochzeitstorte. (Seite 240)

“Einstein sagte: Der Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist eine Illusion, wenn auch eine sehr hartnäckige. Er glaubte nicht nur an Wunder und Fantastisches, sondern auch daran, dass sie Zeit elastisch ist.” (Seite 722)

 

Kai Meyer – Arkadien fällt

Alles, was dir im Leben geschehen ist, geschieht auch heute noch. Was einmal begonnen hat, endet nicht. Da oben in deinem Kopf, da endet es nie. (Seite 9)

Sie blickte aufs Meer hinaus, in eine Dämmerung, die sie an jedem anderen Tag wunderschön gefunden hätte. Heute dachte sie dabei nur an Wunden und Schmerzen und Tod. Selbst der Geruch der Algen erinnerte sie an Verfall. (Seite 122)

Freiheit ist nicht das Wissen, tun uns lassen zu können, was einem beliebt. Freiheit bedeutet, es auch wirklich zu tun. (Seite 182/183)

Rache ist eine kleinliche und beschränkte Motivation, Sie befriedigt nur einen Augenblick lang, wie der Verzehr eines Stücks Schokolade. Die Vorfreude darauf macht oft viel glücklicher als der tatsächliche Akt. (Seite 195)

Iole hatte viele merkwürdige Talente, aber eines ihrer größten war es, in den kompliziertesten Augenblicken einfach die Wahrheit zu sagen und die Welt damit auf ein überschaubares Maß zurechtzustutzen. (Seite 295)

 

Christian von Aster – Der letzte Schattenschnitzer

Für das Verhalten eines Sprösslings, das dem der andren nicht gleicht, haben die Menschen viele Namen. Ihre Herkunft reicht vom Lateinischen bis ins Angelsächsische, und sie bezeichnen dabei allesamt irgendeine Krankheit, was impliziert, dass Andersartigkeit an sich auf die eine oder andere Art zu heilen wäre. (Seite 45)

Da ich um all das wusste, wusste es auch mein Herr und ahnte bereits fünf Sommer nach seiner Geburt, dass der Mörtel, der die Welt der Menschen zusammenhält, zu gleichen Teilen aus Lüge und Eitelkeit besteht. (Seite 72)

Dort unten, am Ende der Stufen, erhob sich eine Wand aus undurchdringlichem Dunkel, so massiv und schwarz, dass nicht einmal die Ahnung eines Gedankens sie durchdrang. (Seite 205)

Hier standen Tausende Bücher aus zig Jahrhunderten: prachtvolle Folianten, Traktate und Inkunabeln aus aller Herren Länder. Menschenwissen, von Mönchen über Generationen mühselig von Hand auf Pergament gebannt, bis Johannes Gutenberg es aus ihren düsteren Scheibstuben befreit hatte. Seite 263)

Der Taumel des Triumphes aber war nur kurz. Denn kurz darauf wurde ich von einem anderen Gefühl ergriffen. Einer großen, traurigen Leere, wie sie einer empfindet, der weiß, wogegen, aber nicht wofür er gekämpft hat… (Seite 302)

Was war Rache, was der Sieg, verglichen mit wahrhaftiger Vergebung? (Seite 306)

 

Amanda Hocking – Verführung

Die einzige Konstante im Leben ist der stetige Wandel. Das ist beängstigend, aber es bedeutet auch, dass es nicht immer nur mies laufen kann. (Seite 89)

 

Amanda Hocking – Versuchung

Es gibt kein schrecklicheres Geräusch als das Rasseln eines Weckers. (Seite 80)

Ich hasste in diesem Moment sein wundervolles Lachen und das herrliche Kribbeln, das es in mir auslöste. Ich wollte mich jetzt nicht wohlfühlen. Ich wollte vielmehr den ganzen tag lang Trübsal blasen und mich im Bett verkriechen, bis jemand anderes für mich eine Entscheidung getroffen hatte. Über etwas so Bedeutendes wie den Rest meines Lebens entscheiden zu müssen, war weit mehr Verantwortung, als mir lieb war. (Seite 290)

 

Elena Melodia – Nacht

Ich blicke in ihre großen dunklen Augen und sehe nichts als ein vorzeitig gealtertes Kind, das zu enttäuscht vom Leben ist, um ihm weitere Irrtümer zuzugestehen. (Seite 32)

Ich betrachte die beiden, Vater und Mutter, und sehe nur ein Gefängnis aus Konventionen und aufgesetzten Gefühlen. (Seite 93)

Ein nasskalter Wind, der nach Schlamm riecht, umweht mich, kriecht in meine Nase und die Kehle hinunter bis in den Magen. Ich huste und bedecke meinen Mund mit dem Schal. Links von mir brodelt bedrohlich der Fluss. Die verlassenen Lagerhäuser auf der anderen Seite scheinen das dunkle Wasser durch riesige zerbrochene Fensterfronten zu beobachten; Möwen suchen dort Zuflucht für die Nacht und schreien im Wind wie hungrige Kinder. Mit Brettern vernagelte Holztüren versperren den Zugang zu einer Vergangenheit, von der nur noch ein paar alte, achtlos vor die roten Mauern geworfene Kisten zeugen. Ich sehe zum Himmel aus, der ist dunkel und erloschen. (Seite 288/289)

 

Robin Wasserman – Wired

So ist es mit perfekten Küssen. Sie sind einen Scheiß wert. Machen vielleicht Spaß. Aber deshalb bedeuten sie noch lange nichts. Die ganze Sache, von wegen mit jemand anderem verschmelzen, von Lippen, die sich vereinigen, Seelen, die sich treffen, alles romantischer Quatsch? Glaubt mir, die Seele stecht nicht in der Zunge und wartet darauf, kostenlosen Urlaub im Mund irgendeines Losers zu machen. Wollt ihr ein Maß, das zählt, eine Methode, wie man abschätzen kann, wie viel von einer anderen Person einem gehört? Versucht es mit der perfekten Umarmung. (Seite 38/39)

Das machte anscheinend Zivilisation aus. Seine Rolle zu spielen, ein Lächeln vor sich herzutragen, den Mund zu halten. Ganze Jahrhunderte stützten sich auf gute Manieren und Täuschung. (Seite 190)

[…] … dabei ging es beim Network ja eigentlich darum, Informationen zugänglich zu machen und zu verhindern, dass man irgendeine Wahrheit einsperrte, die nach draußen drängte. Vielleicht rangelten tausende von möglichen Wahrheiten miteinander um die Vorherrschaft, aber das sollte nun mal die Demokratie modernen Lebens sein, die Freiheit, unsere eigene Realität zu wählen. Die Freiheit zu wissen. (Seite 201)

Was tut man, wenn das Heute endet und man weiß, dass sich morgen eine Welt öffnen wird, in der er tot ist? Morgen und morgen und morgen, bis er etwas ist, was einmal passiert ist, etwas, das man einmal gekannt hat. Menschen benutzen Wärter wie “undenkbar”. Doch was macht man, wenn das Undenkbare eintritt und auch die Weigerung, das zu glauben, ihn nicht zurückbringt? (Seite 238)

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Ein Kommentar zu “[Challenge] Gesammelte Schätze – Oktober

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