Der Poet der kleinen Dinge – Marie-Sabine Roger

40095_1_roger_bb_web1 Vielen Dank an hoca   für dieses Rezensionsexemplar :)

Originaltitel: Vivement l’avenir

Verlag: Hoffmann und Campe

ISBN: 978-3-455-40095-3

Bekommen: 22.10.2011

Angefangen: 27.10.2011

Ausgelesen: 30.10.2011

Gelesene Seiten: 240

Bewertung: 5sterne

 

Klappentext:

Manchmal braucht es nicht viel, um ein ganzes Leben zu verändern. Gérard ist verrückt nach Popcorn, trägt Gedichte vor, die keiner versteht, und lacht sich kaputt, ohne zu wissen, warum. Niemand kann etwas mit ihm anfangen. Nur die Herumtreiberin Alex, die bei seinem Bruder zur Untermiete wohnt, hat den schrägen Poeten ins Herz geschlossen. Und da Gérard so wenig vom Leben hat, schmiedet sie einen abenteuerlichen Plan.

Rezension:

Als die androgyne Alex, die trotz ihrer dreißig Jahre ihren Platz im Leben noch zu suchen scheint und Bindungen meidet wie der Teufel das Weihwasser, als Untermieterin im Haus von Marlène und Bertrand einzieht, lernt sie auch Bertrands Bruder Gérard kennen. Der Schwerbehinderte hat es bei der herrischen und oft herzlosen Marlène nicht leicht und so fängt Alex an, sich um ihn zu kümmern. Ganz heimlich still und leise schleicht er sich in ihr Herz und Alex beginnt nach einem besseren Leben für den zartfühligen Poeten Ausschau zu halten.

Nach “Das Labyrinth der Wörter” (La tête en friche) hat Marie-Sabine Roger auch mit “Der Poet der kleinen Dinge” wieder bewiesen, dass ein großer Roman in Gänze vom Feingefühl seiner Autorin leben kann. Sie zeigt ein Gespür für die Menschen um sich herum, das man kaum erlernen kann. Ihr Blick auf die Welt geht weit unter die polierte Oberfläche bigotter Kleinstadtidyllen und schafft so eine Wahrhaftigkeit, die zwangsläufig aufwühlt und berührt, ohne dabei jemals laut zu werden.

Die Charaktere sind alle ein wenig anders, haben ihre Macken, entwickeln sich, was sie extrem ausdrucksstark macht und selbst die Distanz, die man fast bis zum Schluss zu Alex fühlt, ist perfekt auf die Figur abgestimmt und unterstreicht deren eigene distanzierte Art. Gérard rührt einen zutiefst und rückt mit seiner kindlichen und gleichzeitig weisen Art die Welt so manches Mal auf ein überschaubares Maß zurecht. 

Dass der Roman zwei Ich-Erzähler hat, verwirrt einen zu Anfang ein wenig, aber sogar das wirkt beabsichtigt und wohlüberlegt.

Eine wunderbare, zutiefst anrührende Geschichte über das Anderssein, über Toleranz und Nächstenliebe und die Frage, wie erstrebenswert Normalität wirklich ist.

Zitate:

Ich glaube, in den Geburtskliniken liegen ausschließlich Prinzessinnen und Märchenprinzen in den kleinen Plastikbetten. Kein einziges Neugeborenes, das entmutigt, enttäuscht, traurig oder blasiert wäre. Kein einziges kommt auf die Welt und sagt sich: Später gehe ich mal für einen Hungerlohn in der Fabrik malochen. Ich werde ein Scheißleben haben und das wird super-duper. Juhu. Warum ich hier bin, jetzt, in diesem Moment, ist sogar mir selbst ein Rätsel. Aber da ich an Schicksal glaube, sage ich mir, dass es irgendwo einen großen Plan geben muss., hoch über meinem Kopf. Dass es für das alles einen Grund gibt. (Seite 22)

Ich habe etwas Unfertiges, Unreifes an mir. Ich bin wie ein Entwurf meiner selbst. (Seite 25)

Ich habe gesoffen, bis ich mich am liebsten selbst ausgekotzt hätte, gevögelt, bis alle Lust dahin war. Heute weiß ich, was mit mir los war: Ich hatte zu viel Leere in mir und zu wenig Leben. Ich sehnte mich so sehr nach einer Leidenschaft, nach einer starken, heftigen Sache, die einen vorwärtstreibt. Einem Ziel. Ja, einem Schicksal! Wennschon, dennschon. (Seite 46)

Es gibt nichts an ihm, das nicht missraten, entstellt, erschreckend oder lächerlich wäre. Nichts bis auf seinen Welpenblick, der so sanft ist, dass man es gar nicht beschreiben kann. Nichts bis auf sein schallendes Lachen, voller Leben und Humor. Aber dieses Nichts reicht aus, um etwas in mir zu wecken, Gefühle, die ich nicht verstehe, die Lust, ihm die Flügel zu strecken, und wenn es mir Gewalt ist. Die Lust, ihm abends zuzuhören, ihn am Kanal entlang spazieren zu fahren. […] Wir werden noch mehr Leute treffen, die loslachen werden, wenn sie Roswell sehen. Die wahren Monster sind sie. (Seite 81)

Im Theater ist es wie im echten Leben, da gibt es keinen Probelauf, man kann nicht sagen: “Klappe, die Szene nochmal!” Wenn der Vorhang aufgeht, ist es ernst. Schummeln gilt nicht. (Seite 123)

Seit achtundzwanzig Jahren träume ich Tag für Tag davon, hier abzuhauen, aber es ist wie mit dem Rauchen:Morgen höre ich auf, morgen gehe ich weg. Morgen fange ich an zu leben. immer morgen, morgen, nur nicht heute… (Seite 152)

Natürlich würde ich nicht zurückschauen. Das hatte ich noch nie getan. Aber in meinem Herzen war ein Rückspiegel. Um zu wissen, was ich hinter mir ließ, musste ich mich nicht umdrehen. (Seite 168)

Es mag bescheuert klingen, aber nachdem ich den ersten Schock überwunden habe, kommt es mir jetzt manchmal so vor, als wäre Gérard normal und wir die Behinderten. […] Gérard schert sich einen Dreck darum, sich “ordentlich zu benehmen”. Er schwebt weit über alldem, hoch über den Wolken. (Seite 192/193)

An dem Tag, als ich ihm das erste Mal begegnet bin, habe ich gedacht, so wie er aussieht, muss er den IQ einer Kaulquappe haben. Aber das stimmt nicht. Gérard ist intelligent. Pech für ihn. Aber er hat trotzdem Spaß und liebt das Leben. Deshalb beschämt er uns. (Seite 194)

Ich mag Leute, die Marotten haben, kleine Gewohnheiten, die viel über sie aussagen. Die sind wie kleine Fenster in ihren Schutzmauern. (Seite 200)

Leseprobe

Marie-Sabine Roger

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Marie-Sabine Roger wurde 1957 in Bordeaux geboren, lebte lange in Südfrankreich und ist 2011 nach Kanada umgezogen. Sie arbeitete einige Jahre als Grundschullehrerin, ehe sie sich ganz der Schriftstellerei widmete. Ihr letzter Roman Das Labyrinth der Wörter wurde in Frankreich und Deutschland ein Bestsellererfolg. Das Buch wurde mit dem Prix Lycéens des Allemands und dem Prix Inter-CE ausgezeichnet und mit Gérard Depardieu und Gisèle Casadesus in den Hauptrollen verfilmt.

Marie-Sabine Roger bei Hoffmann und Campe

 

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3 Kommentare zu “Der Poet der kleinen Dinge – Marie-Sabine Roger

      • Leider nicht – habe mir den Film aber schon angsehen und muss das Buch unbedingt auch noch lesen. Deswegen habe ich es mir diese Woche auch endlich mal zugelegt – und „Der Poet der kleinen Worte“ war auch gleich dabei ;-) Ich bin gespannt!

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