Archiv | Februar 2012

Cassia & Ky/Die Flucht – Ally Condie

Condie_Flucht_P03_RZ.indd Vielen Dank an fischer für dieses Rezensionsexemplar :)

Originaltitel: Crossed

Verlag: Fischer

ISBN:978-3-8414-2144-9

Bekommen: 18.01.2011

Angefangen: 03.02.2012

Ausgelesen: 10.02.2012

Gelesene Seiten: 464

Bewertung: 4sterne

Klappentext:

Wie durch ein Wunder gelingt Cassia die Flucht in die Äußeren Provinzen. Sie will nach Ky suchen, ihrer großen Liebe.
Dort kämpft Ky als Soldat für die Gesellschaft und ist ununterbrochen brutalen Angriffen ausgesetzt. Als Cassia endlich auf eine Spur von Ky stößt, ist er bereits entkommen und auf dem Weg in die wilden Canyons in den Grenzgebieten.
Verzweifelt macht sich Cassia auf den lebensgefährlichen Weg. Was wird sie am Ende der ihr bekannten Welt finden? Zwischen steinigen Schluchten und staubigen Pfaden sucht Cassia nicht nur nach Ky – sondern auch nach sich selbst.

Rezension:

Als Cassia die Flucht aus ihrer Welt gelingt ist sie nur von einem Gedanken getrieben: Sie muss Ky finden. Auf ihrem Weg durch die wilden Canyons findet sie bald seine Spur. Aber bei ihrer Suche findet sie auch etwas anderes. Hinweise darauf, dass die Gesellschaft nicht ganz so perfekt ist, wie sie ihren Bewohnern glauben machen will.

Den absolut grandiosen Auftakt ihrer Trilogie (Die Auswahl) setzt Ally Condie hier durchaus solide fort, wenn auch dieser zweite Band gegenüber dem ersten merklich abfällt. Zwar findet man wirklich spannende Szenen und es geschehen auch für die weitere Handlung wichtige Dinge, aber es gibt eben auch die Teile, die sich einfach nur ziehen. So war etwa die Zeit in den Canyons für meine Begriffe zu langatmig und man hatte das Gefühl, es sollten einfach nur Seiten gefüllt werden.

Allerdings hatte die Autorin auch in diesem Band wieder ein außergewöhnliches Gespür für ihre Figuren und war in der Lage, das Zwischenmenschliche überdurchschnittlich gut herauszuarbeiten und damit eine allgemeine Atmosphäre der Glaubwürdigkeit zu schaffen.

Ganz besonders gut gefallen haben mir die teilweise tiefgründigen Dialoge, die nachdenklichen Momente und die Bedeutung, die Kreativität im Allgemeinen und Literatur im Besonderen auch in diesem Buch wieder hat. Die Bedeutung, die kreatives Schaffen, Lesen, Kunst und die Fähigkeit, frei zu denken für eine Gesellschaft haben, wird ganz besonders eindrucksvoll zunächst durch die Abwesenheit und dann durch das langsame, zaghafte Entdecken der Selben verdeutlicht.

Diese eher leisen Zwischentöne sind es auch, die mich trotz aller Kritikpunkte dazu bewogen haben diesem Buch vier Sterne zu geben. Denn ein Autor, der die leisen Töne so beherrscht, dem kann man Schwächen in den lauten durchaus vergeben. Allerdings hoffe ich sehr, dass das Finale wieder in allen Bereichen überzeugen kann.

Zitate:

Wenn man jemanden liebt, wenn man von jemandem geliebt wurde, wenn man schreiben gelernt hat und einen Mund zu Sprechen hat, wie kann man dann schweigen und stillhalten? (Seite 83)

Nur die Sonne ist am Himmel zu sehen. Nichts fliegt. Hier gibt es keine Engel. (Seite 185)

Aber ich muss den Gedanken an sie unterdrücken – die Eltern, die mich aufnahmen und nichts dafür zurückerhielten außer einen neuen Verlust. Es war tapfer von ihnen, noch einmal zu lieben. Das machte mich glauben, ich könnte es auch. (Seite 193)

Schnelle Schritte. Kräftige Atemzüge. Hand in Hand mit Menschen, die ich liebe. Ich liebe. Das gefährlichste Wagnis von allen. (Seite 299)

Sogar verborgen in der Dunkelheit weiß ich, dass es da ist. Ein kleiner Teil von mir ist frei, für immer frei. (Seite 304)

Den Bergen ist alles gleichgültig. Wir leben, wir sterben, wir werden zu Stein, liegen in der Erde, treiben hinaus ins Meer oder verbrennen zu Asche und den Bergen ist das völlig egal. Wir kommen und gehen. Die Gesellschaft ist entstanden und wird irgendwann untergehen. Die Canyons werden weiterexistieren. (Seite 308)

“[…] ich würde gerne alles über die erfahren.” “Alles?”, fragte er mit ernster Stimme. “Alles, was du mir erzählen möchtest”, antworte ich. […] Er schließt die Augen. “Meine Mutter hat mit Wasser gemalt”, beginnt er, “und mein Vater mit dem Feuer gespielt.” (Seite 341)

Ihr Gesicht leuchtet blass in der Dunkelheit des verlassenen Hauses. Irgendwo über uns weint der Himmel, und ich denke an fallenden Schnee. Bilder, mit Wasser gemalt. Poesie, zwischen Küssen gehaucht, Zu schön, um von Dauer zu sein. (Seite 370)

Sie nimmt mich fest in die Arme und flüstert mir etwas ins Ohr. Worte, die nur für mich bestimmt sind – die Poesie des Ich liebe dich – , um mich in der Kälte zu wärmen. Damit verwandelt sie mich aus Asche und Nichts wieder in Fleisch und Blut. (Seite 423)

Leseprobe

[Quelle: Zitate, Buchcover, Leseprobe und Klappentext mit freundlicher Genehmigung der Fischerverlage.]

Nähere Informationen zur Autorin und zu Band 1 der Reihe.

[Gehört] Ruht das Licht – Maggie Stiefvater

ruhtdaslicht Originaltitel: Linger

Verlag: Der Audio Verlag

ISBN: 978-3862310890

Gelesen von: Annina Braunmiller, Max Felder, Gabrielle Pietermann und Johannes Raspe

Angefangen: Januar 2012

Ausgehört: Januar 2012

Gehörte Minuten: 377

Gehörte Minuten insgesamt 2012: 1236

Bewertung: 4sterne

Inhalt:

Grace und Sam haben endlich zueinander gefunden, doch ihre Liebe steht unter einem schlechten Stern. Sam, für Grace zum Menschen geworden, muss mit ansehen, wie der Wolf in ihr immer stärker wird. Graces Verwandlung zum Werwolf scheint unabwendbar. Cole, der Neue im Wolfsrudel, stellt Sam vor ein weiteres Problem. Durch seine Rücksichtslosigkeit gefährdet er das Rudel und dessen Geheimnis.

Mehr Infos und Hörprobe

[Gehört] Nach dem Sommer – Maggie Stiefvater

nachdemsommer Originaltitel: Shiver

Verlag: Der Audio Verlag 

ISBN: 978-3898139793

Gelesen von: Annina Braunmiller und Max Felder (Bella und Jacob ;-)) 

Angefangen: Januar 2012

Ausgehört: Januar 2012

Gehörte Minuten: 390

Gehörte Minuten insgesamt 2012: 859

Bewertung: 5sterne

Inhalt:

Jeden Winter wartet Grace darauf, dass die Wölfe in die Wälder von Mercy Falls zurückkehren – und mit ihnen der Wolf mit den goldenen Augen. Ihr Wolf. Ganz in der Nähe und doch unerreichbar für sie, lebt Sam ein zerrissenes Leben: In der Geborgenheit seines Wolfsrudels trotzt er Eis, Kälte und Schnee, bis die Wärme des Sommers ihn von seiner Wolfsgestalt befreit. In den wenigen kostbaren Monaten als Mensch beobachtet er Grace von fern, ohne sie jemals anzusprechen – bevor die Kälte ihn wieder in seine andere Gestalt zwingt. Doch in diesem Jahr ist alles anders: Sam weiß, dass es sein letzter Sommer als Mensch sein wird. Es ist September, als Grace den Jungen mit dem bernsteinfarbenen Blick erkennt und sich verliebt. Doch jeder Tag, der vergeht, bringt den Winter näher – und mit ihm den endgültigen Abschied.

Mehr Infos und Hörprobe

Herz an Herz – Sofie Cramer und Sven Ulrich

herzanherz Vielen Dank an rowohlt_logo_neu für dieses Rezensionsexemplar :)

Verlag: rororo

ISBN: 978-3499256653

Bekommen: 28.01.2012

Angefangen: 29.01.2012

Ausgelesen: 29.01.2012

Gelesene Seiten: 320

Gelesene Seiten insgesamt 2012: 600

Bewertung5sterne

Klappentext:

Flaschenpost für dich. Eine romantische Hochzeit an der Ostsee? Für Sara eine Strafe. Frisch geschieden sitzt sie zwischen ­lauter Paaren. Glücklichen Paaren. Der einzige ­attraktive Single entpuppt sich als Nervtöter. Die albernen Hochzeitsspielchen geben ihr den Rest: Statt guter Wünsche fürs Brautpaar schreibt Sara sich ihren ganzen Frust von der Seele und schmeißt die Flaschenpost ins Meer. Mit einer Antwort rechnet sie nicht. Doch wenige Wochen später erhält Sara einen Brief. Die Worte des unbekannten Finders berühren ihr Herz. Als dem regen Briefwechsel und zahlreichen E-Mails endlich ein Kennenlernen folgen soll, zögert er. Und das aus gutem Grund…

Rezension:

Es gibt Tage, da ist es besonders blöd, Single zu sein. Zum Beispiel auf Hochzeiten. Glückliche Paare wohin man sieht, dämliche Hochzeitsspiele und während langweiliger Reden hat man endlos viel Zeit sich die eigene einsame Zukunft schön zu trinken. So macht es auch Sara. Aus Protest packt sie statt der Wünsche fürs Brautpaar nur ein paar genervte Zeilen, denen man Saras Blutalkoholspiegel deutlich anmerkt, in eine Flaschenpost und pfeffert sie ins Meer. Mit einer Antwort rechnet sie natürlich nicht, aber sie bekommt trotzdem eine. Und zwar von Berti aus München.

So weit, so “Gut gegen Nordwind”. Dachte ich. Und ja, das Konzept ist das gleiche. Zwei, die sich nicht kennen erhalten durch Zufall eine Botschaft des anderen, lernen sich schriftlich kennen, sind sowas wie verliebt und dann schlägt sie gnadenlos zu, die harte Realität. Ich gebe zu, ich hatte sehr, sehr große Bedenken. Innerlich war ich schon nach dem Lesen des Klappentextes davon überzeugt, dass die Rezension gnadenlos schlecht ausfallen würde. Bruchstücke aus Sätzen schwirrten in meinem Kopf umher, so wie “billige Glattauer-Kopie”, “auf den Briefromanzug aufgesprungen” oder “Emmi und Leo light”. Ich habe sogar überlegt, ob ich es gar nicht erst lesen soll.

Aber dann, Sonntag morgens nach dem Frühstück stand ich in der Küche, drückte mich davor, den Tisch abzuräumen und dachte, ich könnte ja mal die erste Seite lesen. Naja, ok. Die zweite auch noch. So stand ich also mitten in der Küche, kicherte und seufzte vor mich hin und merkte gar nicht, wie kalt meine Füße inzwischen waren. Um es kurz zu machen: ich habe die kompletten 320 Seiten an diesem Sonntag verschlungen und im 5 Minutentakt “Hach!” und “Soooo schön!” geseufzt.

Sind die Briefe von Sara und Berti anfangs noch eher zurückhaltend und vorsichtig, macht der Austausch von Alltäglichkeiten bald schon einer tieferen Unterhaltung Platz und die beiden können es nicht mehr abwarten Post vom andern zu erhalten. Daher steigen sie schon bald auf die schnellere Korrespondenz per E-Mail um und letztlich beschließen sie sich zu treffen. Was dabei geschieht möchte ich ungern vorweg nehmen, weil es die Spannung, die sich im Laufe des Romans dadurch aufbaut, dass man eben nicht alles gleich weiß, kaputt machen würde.

“Herz an Herz” ist ein Wohlfühlroman, der berührt. Er zeigt, dass jeder Mensch sein Päckchen zu tragen hat und dass man sich manchmal trauen muss zuzulassen, dass jemand einem beim tragen hilft.

Ja, es ist ein Briefroman. Ja, Sara und Berti erinnern sehr an Emmi und Leo. Aber ist das so schlimm? Man kann das Rad nicht neu erfinden und vielleicht muss man das auch gar nicht so unbedingt. Ich vergebe von Herzen gern 5 Sterne!

Leseprobe

Krug & Schadenberg – Die Großen unter den Kleinen

Vor 18 Jahren, 9 Monaten und 6 Tagen, am 01. Mai 1993, verwirklichten die Lektorin Andrea Krug und die Grafikerin Dagmar Schadenberg ihren Traum und gründeten in Berlin einen Verlag für lesbische Literatur.

krugschadenberg

Ihr Ziel, der Literatur für lesbische und frauenliebende Frauen mehr Raum zu verschaffen, verfolgen sie seither erfolgreich und haben sich so zum größten Verlag dieses Genres entwickelt. Rund 80 Romane und Sachbücher sind zur Zeit lieferbar, darunter der Klassiker “Die Muschelöffnerin” von Sarah Waters, den ich gerade letzte Woche verschlungen habe, oder der erfolgreich verfilmte Roman “Die verborgene Welt” von Shamim Sarif.

Fast 40 namhafte deutsche und internationale Autorinnen werden von den Berlinerinnen verlegt und das was sie tun, tun sie mit Leidenschaft und aus Überzeugung.

Seit dem Tod der Verlegerin Susanne Amrain haben auch die lesbischen Bücher des Daphne Verlages bei Krug & Schadenberg ein neues Zuhause gefunden und bereichern das Sortiment.

Bei L-Talk habe ich ein wunderbares Interview mit Andrea Krug gefunden, in der ich genau die Frau erkenne, die ich seit gut einem Jahr kenne. Leidenschaftlich, warmherzig, engagiert und einfach eine richtig klasse Frau ohne jedwede Höhenflüge oder Allüren.

krug_schadenberg_3Auf die Frage, was sie sich für ihre Arbeit als Verlegerin in den nächsten Jahren wünscht, antwortete sie:

“Leserinnen. Leserinnen. Leserinnen. Zufriedene, die uns loben und damit beflügeln. Weniger zufriedene mögen uns bitte mit ihrer Kritik herausfordern und zu neuen Taten anregen.

Dass unsere Autorinnen uns gewogen bleiben und ihre Kreativität sie zu Höhenflügen treibt. Dass neue Autorinnen zu uns kommen. Dass wir neue vielversprechende Manuskripte von deutschen Literatinnen zu lesen bekommen, dass Frauen mit Ideen für neue Projekte auf uns zukommen, dass wir literarische Funde in anderen Ländern und Kulturen machen. Dass uns kritische und dennoch wohlgesinnte Rezensentinnen ihre Aufmerksamkeit schenken und engagierte BuchhändlerInnen und BibliothekarInnen sich für unser Programm einsetzen. Dass wir den Strukturwandel, dem die Buchbranche unterliegt, dem Wegbrechen kleiner, engagierter Buchhandlungen, durch erfolgreiche Aktivitäten in der realen wie virtuellen Welt ausgleichen können. Dass uns Sympathisantinnen und Leserinnen dabei unterstützen. Das wäre klasse.”

Und genau das wünschen wir ihr und ihrer Kollegin Dagmar Schadenberg auch von Herzen: Leserinnen. Leserinnen. Leserinnen. Denn was wäre die Buchbranche ohne solche Menschen, die engagiert und mit einem riesigen Haufen Idealismus und Liebe ihren Überzeugungen folgen? :)  

Website des Verlags

Unsere Rezensionen zu einigen Büchern des Verlages

Interview mit Andrea Krug

Die Muschelöffnerin – Sarah Waters

Waters_Muscheloeffnerin Vielen Dank an krugschadenberg1 für dieses Rezensionsexemplar :)

Originaltitel: Tipping the Velvet

Verlag: Krug & Schadenberg

ISBN: 978-3-930041-80-0

Bekommen: 16.11.2011

Angefangen: 31.01.2012

Ausgelesen: 02.02.2012

Gelesene Seiten: 576

Bewertung: 5sterne

Klappentext:

Als junges Mädchen arbeitet Nancy als Muschel­öffnerin im elterlichen Austernrestaurant an der Küste von Kent. Zu ihren wenigen Vergnügungen zählen die Besuche in der Music Hall im nahegelegenen Canterbury. Dort sieht sie eines Tages die »Herrendarstellerin« Kitty Butler auf der Bühne – und ist hingerissen! Die Sängerin lässt sich auf Nancys verliebte Schwärmerei ein und beginnt eine Liebesbeziehung mit ihr. Nancy verlässt ihr Elternhaus und folgt Kitty nach London, erst als Garderobenmädchen, dann steht sie selbst mit Kitty zusammen als Duo in Männerkleidung auf der Bühne. Doch im Gegensatz zu Nancy, die glücklich ist, ihre große Liebe gefunden zu haben, fällt es Kitty schwer, sich zu Nancy zu bekennen …

Rezension:

England in den 1890er Jahren. Die junge Nancy arbeitet als Austernöffnerin im Restaurant ihrer Eltern. Ihr Leben ist einfach, aber glücklich. Bis sie bei einem Besuch in der Music Hall von Canterbury zum ersten Mal die Herrendarstellerin Kitty Butler sieht. Das hübsche Mädchen, das fortan Abend für Abend in der Vorstellung sitzt, bleibt auch der angebeteten Kitty nicht verborgen und zwischen den beiden jungen Frauen entwickelt sich eine Liebesbeziehung. Als Nancy mit Kitty nach London geht, wähnt sie sich am Ziel ihrer Träume. Aber Kitty hat Angst vor den gesellschaftlichen Folgen, die eine sapphistische Beziehung nach sich ziehen könnte.

Sarah Waters hat es geschafft mit “Die Muschelöffnerin” [Tipping the Velvet*] einen Roman zu veröffentlichen, der knapp 14 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung bereits zu den absoluten Klassikern der lesbischen Literatur zählt. Und das vollkommen zu Recht.

Mit unglaublicher Authentizität und viel Feingefühl fängt sie die Situation lesbischer Frauen im viktorianischen England  ein und schenkt ihnen ein Gesicht. Die besonderen Schwierigkeiten, mit denen sie in einer Zeit zu kämpfen haben in der Frauen generell schon einen schweren Stand hatten und Sexualität als primitiv und zu kontrollieren galt, spiegeln perfekt die prüde Bigotterie des ausklingenden 19. Jahrhunderts wieder. Arbeiteraufstände, erste Gewerkschaften und Suffragettenbewegung haben ebenso ihren Platz wie Varietès, Theater und die High Society, für die es keine Grenzen und Regeln zu geben scheint.

Nancy ist eine so überzeugende Protagonistin, dass man sich ihr binnen kürzester Zeit verbunden fühlt wie einer Freundin und auch die Nebencharaktere sind so vielschichtig, dass man zu keinem Zeitpunkt Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Story hat. Der mitreißende Schreibstil in Verbindung mit absolut stimmigen Schauplätzen und einem hervorragend ausgearbeiteten Plot machen aus Nancys Geschichte einen faszinierenden, außergewöhnlichen Roman mit einer unvergleichlich dichten Atmosphäre. Einmal angefangen, ist man gleich gefangen in dieser Welt der Reifröcke, Korsetts und steifen Kragen und kann sich herrlich fallen lassen, mitleiden und mitfiebern.

Ein bisschen erinnert mich die Geschichte an Floortje Zwigtmans Trilogie “Adrian Mayfield”, die ich über alles liebe, was “Die Muschelöffnerin” für mich auch ein bisschen zu einem “Nachhause kommen” macht. Ich jedenfalls bin sehr dankbar, dass der wunderbare Verlag Krug & Schadenberg aus Berlin diesen Klassiker neu verlegt hat und ich so die Chance hatte den besten lesbischen Roman für mich zu entdecken, den ich je gelesen habe.

[*viktorianischer Euphemismus für Cunnilingus, wörtlich übersetzt etwa: “den Samt berühren”]

Zitate:

“Wenn ich sie sehe”, sage ich, “ist es wie – ich weiß nicht wie. Es ist so, als hätte ich vorher überhaupt noch nie etwas gesehen. Es ist, als ob ich mich fülle wie ein Glas, das man mit Wein füllt. […] Sie macht, dass ich zugleich lächeln und weinen möchte. Sie tut mir weh – hier.” Ich lege eine Hand auf meine Rippen. “Ich habe noch nie ein Mädchen wie sie gesehen. Ich wusste gar nicht, dass es Mädchen wie sie gibt…” (Seite 27)

Ich erhaschte einen Blick auf Leitern und Gasschläuche und Jungen in Schürzen und Kappen, die Körbe herumschoben und Scheinwerfer in Position brachten. Damals hatte ich das Gefühl – und es ist in den darauffolgenden Jahren immer wiedergekehrt, wenn ich hinter eine Bühne ging –, dass ich in das Räderwerk einer riesigen Uhr eintrat, durch das elegante Uhrgehäuse hinein in die staubige, geschmierte rastlose Maschinerie, die dahinter lag, dem gewöhnlichen Auge verborgen. (Seite 37)

Es war Kitty, die ich als Erste und am leidenschaftlichsten geküsst hatte; und es war, als hätte ich seitdem immer und immer die Form, die Farbe, den Geschmack ihrer Küsse auf meinen Lippen gehabt. (Seite 513)

Wie die meisten Schwüre von Liebenden war wahrscheinlich auch dieser ziemlich kurios, aber immerhin waren wir ja auch zwei Mädchen mit kuriosen Vorgeschichten – Mädchen mit Vergangenheiten wie Kisten mit schlecht schließenden Deckeln. Wir mussten sie mitschleppen, diese Kisten, aber sehr vorsichtig. (Seite 514)

Ich konnte sie nicht ansehen, ohne sie berühren zu wollen. Ich konnte den Glanz auf ihren Lippen nicht sehen, ohne den Wunsch zu verspüren, zu ihr zu gehen und meinen Mund darauf zu drücken. Ich konnte ihre Hand nicht sehen, wenn sie müßig auf dem Tisch lag oder einen Federhalter hielt oder eine Tasse trug oder sonst irgendwas ganz Alltägliches tat, ohne mich danach zu sehnen, sie in meine Hand zu nehmen und die Fingerknöchel zu küssen oder meine Zunge auf die Handfläche zu drücken oder sie in meinen Schritt zu pressen. Ich konnte in einem Raum voller Menschen neben ihr stehen und spüren, wie mir die Härchen auf den Armen zu Berge standen und ich sah, dass auch sie eine Gänsehaut bekam und ihre Wangen heiß wurden, und ich wusste, dass sie genau so sehnlich nach mir verlangte wie ich nach ihr. (Seite 518)

Es war einfach so, dass wir so lange ohne Küsse gelebt hatten, dass wir, als wir einmal mit dem Küssen anfingen, nicht mehr damit aufhören konnten. Wir staunten selbst über unsere Dreistigkeit. (Seite 518)

 

Sarah Waters

sarah waters Sarah Waters geboren 1966 in Wales, studierte an der Lancaster University und promovierte in Englischer Literatur. Ihre Dissertation mit dem Titel Wolfskins And Togas: Lesbian And Gay Historical Fiction – 1870 to the Present diente ihr als Inspiration und Fundus für künftige Bücher. Als Teil ihrer Arbeit las sie unter anderem pornografische Texte aus dem 19. Jahrhundert und fand auf diese Weise den Titel ihres ersten Romans,Tipping the Velvet, der 1998 von Virago Press veröffentlicht wurde (2002 unter dem Titel Die Muschelöffnerin im Daphne Verlag). Nach diesem Debüt folgten vier weitere umfangreiche Romane. Insgesamt drei Romane, darunter Tipping the Velvet, wurden mit großem Erfolg verfilmt. Sarah Waters gilt als eine der renommiertesten britischen GegenwartsautorInnen und wurde bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

http://www.sarahwaters.com/

Evermore/Für immer und ewig – Alyson Noël

evermore_fuer_immer_und_ewig Vielen Dank an pageturner für dieses Rezensionsexemplar :)

Originaltitel: Everlasting

Verlag: Page & Turner

ISBN: 978-3442203802

Bekommen: 22.11.2011

Angefangen: Januar 2011

Ausgelesen: Januar 2011

Gelesene Seiten: 416

Bewertung: 5sterne

Klappentext:

Wird die Liebe endlich siegen?
Mit allen haben es Ever und Damen bisher aufgenommen, um ihre Liebe zu verteidigen. Jetzt müssen sie nur noch den Fluch von sich abwenden, der sie davon abhält, für immer zusammen sein zu können. Sie scheinen der Lösung so nah, doch plötzlich geschehen merkwürdige Dinge. Kann es sein, dass sich das Sommerland, ihr geliebter Zufluchtsort, verdunkelt? Es kommt Ever so vor, als würden Düsternis und Traurigkeit die schönen Seiten ihres Paradieses überdecken, und zwar seitdem sie zum ersten Mal dort war. Und was bedeutet das mysteriöse Lied der alten Frau, die Ever bei ihrem letzten Besuch dort gesehen hat? Ever und Damen machen sich daran, das Geheimnis zu lüften und so auch den Fluch zu bannen. Wird es für sie endlich ein »Für immer und ewig« geben?

Rezension:

“Für immer und ewig” scheint für Ever und Damen endlich in greifbare Nähe zu rücken. Das Heilmittel – und dann sind alle Probleme beseitigt. Kann es wirklich so einfach sein? Als das Sommerland immer weiter in Dunkelheit und Traurigkeit zu versinken scheint, kommen Ever Zweifel an ihrem Weg. Suchen sie vielleicht an der falschen Stelle nach der ersehnten Erlösung? Ever erkennt, dass sie neue Wege beschreiten muss um wirkliche Heilung zu erfahren.

Im Finale dieser absolut außergewöhnlichen Reihe fährt Alyson Noël noch einmal alles auf, was sie an schriftstellerischem Können und universellem Wissen zu bieten hat. Spannend, mit vielen unerwarteten Wendungen und Weisheiten, legt sie ein perfektes Finale vor. Ein Finale das, das wurde mir klar, nachdem ich es gelesen hatte, anders nicht hätte sein dürfen. So, und nur so, konnte die Geschichte von Ever und Damen ihren Abschluss finden. Nichts anderes wäre glaubwürdig gewesen. Kein anderer Schluss hätte Evers Entwicklung entsprochen.

Und eben diese geistige, seelische, wesentliche Entwicklung ist es auch, die diese Buchreihe so außergewöhnlich macht. Die Fantasyelemente stehen nur scheinbar im Vordergrund der Geschichte. Eigentlich erzählt die Autorin die Geschichte eines menschlichen Entwicklung vom Zustand absoluter Unwissenheit bis zum Moment der tiefen Erkenntnis des höheren Selbst und der Erkenntnis, dass wir einer Illusion erliegen, wenn wir uns als getrennt von allem anderen wahrnehmen.

Ein ergreifender Weg, verpackt in eine spannende Story, die vermutlich jeden auf eine ganz eigene Art anspricht. Der eine wird sie eher ins Genre Urban-Fantasy einsortieren, der andere unter Lovestory verbuchen. Für mich gehört sie fast schon eher zum Genre Lebenshilfe und Selbstfindung, denn ich habe in kaum einem anderen belletristischen Werk bisher so viel universelle Weisheit gefunden. Und wie im Zitat von Seite 181 [“Du kennst doch das Sprichwort: ‘Wenn der Schüler bereit ist, kommt der Lehrer’?” […] “Genauso ist es mit Wissen. Die Wahrheit kommt ans Licht, wenn du bereit bist, sie zu empfangen, wenn du sie brauchst, um voranzuschreiten, den nächsten Schritt auf deiner Reise zu tun und deiner Bestimmung entgegenzugehen. […]” ] hatte auch ich das Gefühl, dass ich beim Lesen jedes einzelnen Bandes immer zur rechten Zeit die richtige Erinnerung an etwas erfahren habe, das mir in diesem Moment auf meinem eigenen Weg hilfreich war.

Für mich ist Evermore eine der ungewöhnlichsten und großartigsten Jugendbuchreihen, die ich je gelesen habe und ich bin sehr dankbar, dass ich sie für mich entdeckt habe und wie bei wenigen anderen Büchern hatte ich hier das Gefühl, dass nicht nur ich das Buch, sondern auch das Buch mich zum richtigen Zeitpunkt gefunden hat.

Lasst euch verzaubern – begleitet Ever und Damen ein Stück und findet heraus, was euch die Geschichte zu geben hat.

Zitate:

Die Wahrheit unseres Daseins wird so deutlich dargelegt, dass mir unbegreiflich ist, warum ich sie nicht schon längst erkannt habe. Sämtliche Lebewesen, Pflanzen, Tiere und Menschen, die den Planeten bevölkern, hängen zusammen. Wir sind alle eins. Und auch wenn wir einmal existieren und dann wieder nicht – unsere Seelen unsere Energie, unser Wesen vergehen niemals. Wir sind unendliche Wesen – jeder einzelne von uns. Die Erkenntnis kommt mir wie ein Blitz, der über mir aufleuchtet, und ich weiß instinktiv, dass es das ist. Das ist es, was ich lernen muss. Das ist es, was ich niemals vergessen darf, ganz egal, was von nun an auch mit mir passiert. (Seite 176)

Wenn wir uns gegenseitig verletzen, verletzen wir uns auch selbst. (Seite 179)

“Das ist die Bürde des Menschen. Auch wenn die Schuld zum Teil beim Fluss liegt”, sagt sie und zeigt rasch auf das fließende Wasser vor uns, “beruht es doch zum größten Teil auf der Neigung des Menschen, in den Lärm einzutauchen, der überall im ihn herum tost, statt auf die herrliche Stille tief in seinem Inneren zu lauschen.” Ich blicke auf den Fluss hinaus und drehe und wende die Worte in Gedanken hin und her, bis ich begreife, dass sie alles widerspiegeln, was ich soeben gelernt habe. Wir verbringen unser Leben damit, uns in die falschen Dinge zu verbeißen – lassen uns von unserem Verstand und unserem Ego in die Irre führen und betrachten uns als getrennt von anderen, anstatt auf die Wahrheit zu hören, die in unseren eigenen Herzen liegt, die Wahrheit, dass wir alle verbunden sind, dass wir alle in einem Boot sitzen. (Seite 180)

“Du kennst doch das Sprichwort: ‘Wenn der Schüler bereit ist, kommt der Lehrer’?” […] “Genauso ist es mit Wissen. Die Wahrheit kommt ans Licht, wenn du bereit bist, sie zu empfangen, wenn du sie brauchst, um voranzuschreiten, den nächsten Schritt auf deiner Reise zu tun und deiner Bestimmung entgegenzugehen. […]” (Seite 181)

Ich kenne die gewaltige Macht der Angst, nachdem ich schon einmal von ihr beherrscht worden bin. Es ist das Gegenteil von Glauben. Das Gegenteil davon, an ein höheres Selbst zu glauben. Angst lässt einen zittern und schwitzen und macht einen so unsicher, dass man selbst das infrage stellt, von dem man weiß, dass es wahr ist. Angst veranlasst einen dazu, sich von dem abzuwenden, was am wichtigsten ist. Angst führt zu überstürzten Entscheidungen, falschen Schritten und später zur erbarmungslosen Last der Reue. (Seite 191)

Vergebung ist heilsam – alles ist Energie – Gedanken erschaffen – wir sind alle verbunden – was du bekämpfst, bleibt bestehen – wahre Liebe stirbt nie . die Unsterblichkeit der Seele ist die einzig wahre Unsterblichkeit. (Seite 267)

Auf einmal weiß ich, was es bedeutet, wenn es heißt, dass im Universum Überfülle herrscht und es alles für uns bereithält, was wir brauchen, und die einzigen Mankos die seien, die in unserem Kopf herrschen. (Seite 278)

Und falls es stimmt, dass alles Energie ist, falls es stimmt, dass wir alle verbunden sind, dann gibt es wirklich nichts, was uns von der Natur trennt – wir sind alle ein Teil des Ganzen. (Seite 347)

Du weißt, wie das Universum funktioniert. Du weißt, dass alles Energie ist, dass Gedanken Dinge erschaffen und dass wir hier auf der Erdebene unsere eigene Magie wirken können, indem wir unsere Absichten positiv und klar halten. Also geht es jetzt nur darum, all unser Wissen in die Praxis umzusetzen. Es geht nur darum, an all das zu glauben, was du mir beigebracht hast. Es geht darum, dem Universum genug zu vertrauen und dir selbst genug zu vertrauen und zu glauben. (Seite 361)

Leseprobe

Rezension zu Evermore/Der Stern der Nacht (Band 5) mit Autoreninfos und Links