Die Muschelöffnerin – Sarah Waters

Waters_Muscheloeffnerin Vielen Dank an krugschadenberg1 für dieses Rezensionsexemplar :)

Originaltitel: Tipping the Velvet

Verlag: Krug & Schadenberg

ISBN: 978-3-930041-80-0

Bekommen: 16.11.2011

Angefangen: 31.01.2012

Ausgelesen: 02.02.2012

Gelesene Seiten: 576

Bewertung: 5sterne

Klappentext:

Als junges Mädchen arbeitet Nancy als Muschel­öffnerin im elterlichen Austernrestaurant an der Küste von Kent. Zu ihren wenigen Vergnügungen zählen die Besuche in der Music Hall im nahegelegenen Canterbury. Dort sieht sie eines Tages die »Herrendarstellerin« Kitty Butler auf der Bühne – und ist hingerissen! Die Sängerin lässt sich auf Nancys verliebte Schwärmerei ein und beginnt eine Liebesbeziehung mit ihr. Nancy verlässt ihr Elternhaus und folgt Kitty nach London, erst als Garderobenmädchen, dann steht sie selbst mit Kitty zusammen als Duo in Männerkleidung auf der Bühne. Doch im Gegensatz zu Nancy, die glücklich ist, ihre große Liebe gefunden zu haben, fällt es Kitty schwer, sich zu Nancy zu bekennen …

Rezension:

England in den 1890er Jahren. Die junge Nancy arbeitet als Austernöffnerin im Restaurant ihrer Eltern. Ihr Leben ist einfach, aber glücklich. Bis sie bei einem Besuch in der Music Hall von Canterbury zum ersten Mal die Herrendarstellerin Kitty Butler sieht. Das hübsche Mädchen, das fortan Abend für Abend in der Vorstellung sitzt, bleibt auch der angebeteten Kitty nicht verborgen und zwischen den beiden jungen Frauen entwickelt sich eine Liebesbeziehung. Als Nancy mit Kitty nach London geht, wähnt sie sich am Ziel ihrer Träume. Aber Kitty hat Angst vor den gesellschaftlichen Folgen, die eine sapphistische Beziehung nach sich ziehen könnte.

Sarah Waters hat es geschafft mit “Die Muschelöffnerin” [Tipping the Velvet*] einen Roman zu veröffentlichen, der knapp 14 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung bereits zu den absoluten Klassikern der lesbischen Literatur zählt. Und das vollkommen zu Recht.

Mit unglaublicher Authentizität und viel Feingefühl fängt sie die Situation lesbischer Frauen im viktorianischen England  ein und schenkt ihnen ein Gesicht. Die besonderen Schwierigkeiten, mit denen sie in einer Zeit zu kämpfen haben in der Frauen generell schon einen schweren Stand hatten und Sexualität als primitiv und zu kontrollieren galt, spiegeln perfekt die prüde Bigotterie des ausklingenden 19. Jahrhunderts wieder. Arbeiteraufstände, erste Gewerkschaften und Suffragettenbewegung haben ebenso ihren Platz wie Varietès, Theater und die High Society, für die es keine Grenzen und Regeln zu geben scheint.

Nancy ist eine so überzeugende Protagonistin, dass man sich ihr binnen kürzester Zeit verbunden fühlt wie einer Freundin und auch die Nebencharaktere sind so vielschichtig, dass man zu keinem Zeitpunkt Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Story hat. Der mitreißende Schreibstil in Verbindung mit absolut stimmigen Schauplätzen und einem hervorragend ausgearbeiteten Plot machen aus Nancys Geschichte einen faszinierenden, außergewöhnlichen Roman mit einer unvergleichlich dichten Atmosphäre. Einmal angefangen, ist man gleich gefangen in dieser Welt der Reifröcke, Korsetts und steifen Kragen und kann sich herrlich fallen lassen, mitleiden und mitfiebern.

Ein bisschen erinnert mich die Geschichte an Floortje Zwigtmans Trilogie “Adrian Mayfield”, die ich über alles liebe, was “Die Muschelöffnerin” für mich auch ein bisschen zu einem “Nachhause kommen” macht. Ich jedenfalls bin sehr dankbar, dass der wunderbare Verlag Krug & Schadenberg aus Berlin diesen Klassiker neu verlegt hat und ich so die Chance hatte den besten lesbischen Roman für mich zu entdecken, den ich je gelesen habe.

[*viktorianischer Euphemismus für Cunnilingus, wörtlich übersetzt etwa: “den Samt berühren”]

Zitate:

“Wenn ich sie sehe”, sage ich, “ist es wie – ich weiß nicht wie. Es ist so, als hätte ich vorher überhaupt noch nie etwas gesehen. Es ist, als ob ich mich fülle wie ein Glas, das man mit Wein füllt. […] Sie macht, dass ich zugleich lächeln und weinen möchte. Sie tut mir weh – hier.” Ich lege eine Hand auf meine Rippen. “Ich habe noch nie ein Mädchen wie sie gesehen. Ich wusste gar nicht, dass es Mädchen wie sie gibt…” (Seite 27)

Ich erhaschte einen Blick auf Leitern und Gasschläuche und Jungen in Schürzen und Kappen, die Körbe herumschoben und Scheinwerfer in Position brachten. Damals hatte ich das Gefühl – und es ist in den darauffolgenden Jahren immer wiedergekehrt, wenn ich hinter eine Bühne ging –, dass ich in das Räderwerk einer riesigen Uhr eintrat, durch das elegante Uhrgehäuse hinein in die staubige, geschmierte rastlose Maschinerie, die dahinter lag, dem gewöhnlichen Auge verborgen. (Seite 37)

Es war Kitty, die ich als Erste und am leidenschaftlichsten geküsst hatte; und es war, als hätte ich seitdem immer und immer die Form, die Farbe, den Geschmack ihrer Küsse auf meinen Lippen gehabt. (Seite 513)

Wie die meisten Schwüre von Liebenden war wahrscheinlich auch dieser ziemlich kurios, aber immerhin waren wir ja auch zwei Mädchen mit kuriosen Vorgeschichten – Mädchen mit Vergangenheiten wie Kisten mit schlecht schließenden Deckeln. Wir mussten sie mitschleppen, diese Kisten, aber sehr vorsichtig. (Seite 514)

Ich konnte sie nicht ansehen, ohne sie berühren zu wollen. Ich konnte den Glanz auf ihren Lippen nicht sehen, ohne den Wunsch zu verspüren, zu ihr zu gehen und meinen Mund darauf zu drücken. Ich konnte ihre Hand nicht sehen, wenn sie müßig auf dem Tisch lag oder einen Federhalter hielt oder eine Tasse trug oder sonst irgendwas ganz Alltägliches tat, ohne mich danach zu sehnen, sie in meine Hand zu nehmen und die Fingerknöchel zu küssen oder meine Zunge auf die Handfläche zu drücken oder sie in meinen Schritt zu pressen. Ich konnte in einem Raum voller Menschen neben ihr stehen und spüren, wie mir die Härchen auf den Armen zu Berge standen und ich sah, dass auch sie eine Gänsehaut bekam und ihre Wangen heiß wurden, und ich wusste, dass sie genau so sehnlich nach mir verlangte wie ich nach ihr. (Seite 518)

Es war einfach so, dass wir so lange ohne Küsse gelebt hatten, dass wir, als wir einmal mit dem Küssen anfingen, nicht mehr damit aufhören konnten. Wir staunten selbst über unsere Dreistigkeit. (Seite 518)

 

Sarah Waters

sarah waters Sarah Waters geboren 1966 in Wales, studierte an der Lancaster University und promovierte in Englischer Literatur. Ihre Dissertation mit dem Titel Wolfskins And Togas: Lesbian And Gay Historical Fiction – 1870 to the Present diente ihr als Inspiration und Fundus für künftige Bücher. Als Teil ihrer Arbeit las sie unter anderem pornografische Texte aus dem 19. Jahrhundert und fand auf diese Weise den Titel ihres ersten Romans,Tipping the Velvet, der 1998 von Virago Press veröffentlicht wurde (2002 unter dem Titel Die Muschelöffnerin im Daphne Verlag). Nach diesem Debüt folgten vier weitere umfangreiche Romane. Insgesamt drei Romane, darunter Tipping the Velvet, wurden mit großem Erfolg verfilmt. Sarah Waters gilt als eine der renommiertesten britischen GegenwartsautorInnen und wurde bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

http://www.sarahwaters.com/

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Ein Kommentar zu “Die Muschelöffnerin – Sarah Waters

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